Das Klickvieh-Gehege – Was Verlage von der Blogosphäre lernen können

”Wie Google News Redaktionen ausbeutet“ schreibt Christian Stöcker heute bei Spiegel Online – und outet sich damit als Netzweltredakteur mit uraltem Verlagsportaldenken. Stöcker beklagt im Kern zwei Dinge: Erstens: Google bezahlt einige Nachrichtenagenturen neuerdings dafür, ihre Meldungen ganz abzudrucken, anstatt nur darauf zu verlinken. Zweitens: Google aggregiert und verlinkt weiterhin die Schlagzeilen und die ersten Textzeilen von Zeitungsnachrichten, ohne dafür zu bezahlen, obwohl dahinter nur ein Computer-Algoritmus steckt und keine schöpferische Leistung erbracht wird:

Die Verlage gehen leer aus – obwohl Google News ohne die Arbeit von Zeitungs- und Online-Redaktionen unmöglich wäre.

Richtig. Aber warum gehen sie leer aus? Weil sie sich bis auf wenige Ausnahmen konsequent allen Mechanismen verweigern, die im Social Web zu gutem Karma und letztlich zum  Erfolg führen. Die Leser sollen gefälligst auf die geschlossenen Verlagsportale kommen und wenn sie dort sind, werden sie wie Klickvieh behandelt und eingepfercht, damit sie für die Anzeigenkunden genügend Page Impressions generieren.

Auch dieser Einwand von Stöcker zeugt von altem Denken:

[…] Die Gewichtung und Reihung der bei Google News angezeigten Nachrichten wird durch einen Algorithmus erledigt, der auf der Auswertung großer Nachrichtenseiten basiert. Was bei vielen ganz oben steht, was bei den Wichtigen oben steht, muss wohl wichtig sein, und landet deshalb auch bei Google News am Seitenanfang. Was, das nur nebenbei, auch dazu führt, dass das wirklich Exklusive, das wirklich Originelle bei Google News kaum eine Chance hat.

Seltsam: Erstens haben es Verlage selbst in der Hand, ihren exklusiven Content statt generischer Agenturmeldungen auf ihren Portalen ”oben“ zu platzieren. Außerdem ist es in der Blogosphäre genau umgekehrt. Gerade Blogs mit exklusivem Content werden von anderen Blogs am meisten verlinkt und deshalb auch bei Google, Technorati, Rivva und Co. prominent gelistet. Warum sollte das bei Verlagsbeiträgen anders sein, wenn  nur genügend Links auf die Seiten führen. Doch dazu müssten sie erst einmal selbst verlinken und geben, statt nur zu nehmen.

Wenn eine typische Zeitungs-Website ein Blog wär, dann sähe dieses Blog so aus:

  • Über dem Blog-Header und am rechten Rand befinden sich mehrere blinkende Flash-Anzeigen, die nerven und sogar miteinander um die Aufmerksamkeit des Lesers konkurrieren.
  • Bevor ein Nutzer einen Blogpost lesen kann, muss er erst einmal ein Pop-Up-Banner mit einer Anzeige oder dem Aufruf zu einer Meinungsumfrage wegklicken.
  • Kommentare sind erwünscht, aber nicht direkt unter den Blogposts. Dafür gibt es eigene Gehege, wo die kommentierenden Blogleser unter sich bleiben.
  • Es kann sein, dass der Blogger im Kommentar-Gehege mal persönlich vorbeischaut, aber sicher ist das nicht. Er gibt sich nicht zu erkennen und antwortet niemals, selbst dann nicht, wenn über 100 Kommentare und direkte Fragen eingegangen sind. Dass da zwischendurch mal jemand gewesen ist, merkt man höchstens nachträglich an administrativen Eingriffen: ”Dieser Kommentar wurde gelöscht.“
  • Kommentatoren dürfen zwar die Diskussion bereichern und zur Blog-Popularität beitragen, aber sie dürfen vom Traffic-Anstieg nicht ebenfalls profitieren. Deshalb können sie sich nur mit Namen oder Pseudoynm eintragen, aber nicht mit einem Link zu ihrer eigenen Website.
  • Ebenso wie in den Blogposts möglichst auf externe Links verzichtet wird, darf es auch in den Kommentaren keine Hinterausgänge aus dem Klickvieh-Gehege geben. Deshalb darf nicht auf externe Seiten verlinkt werden.
  • Es gibt keine Blogroll. Wo kämen wir denn hin, wenn wir auf unserer Blog-Startseite auf Konkurrenzangebote verlinken?

Ein solches Blog wäre kein Blog, sondern ein schwarzes Loch im Web. Und doch gestalten die meisten Zeitungen mit nur minimalen Innovationen in den letzten zehn Jahren ihre Webseiten immer noch nach genau diesen Prinzipien Dabei könnten gerade Verlags-Websites, wenn sie es wollten, mit ihrem riesigen redaktionellen Know-How und Input die Alpha-Blogger entthronen und die wahren Leitwölfe im Social Web sein. Statt hilflose Hüter der Klickviehherde.


32 Antworten zu “Das Klickvieh-Gehege – Was Verlage von der Blogosphäre lernen können

  1. Noch ein Eintrag für deine Liste:

    – Die Kommentarbereiche enthalten verbalen Sondermüll und haben den Charakter einer Klowand.
    (siehe die Kommentare bei welt.de)

  2. Das ist leider für vielen Kommentarforen wahr und Welt.de fällt mir dabei auch als bestes Beispiel ein. Das Verhalten vieler Kommentatoren hat m.E. nicht bloß mit charakterlichen und geistigen Defiziten zu tun, sondern ist auch eine Folge davon, dass sie in solchen Foren sich vollkommen selbst überlassen sind ohne jeden Dialog mit der Redaktion.

  3. Klardeutsch

    Stellt sich nur die Frage: Wer soll diese schönen Angebote bezahlen, wenn es nirgendwo blinkende Anzeigen geben darf? Wer zum Beispiel die Arbeitszeit von Journalisten, die sich durch 1278 Kommentare lesen müssen?

    Oder sollen Journalisten ihren Beruf zum Hobby machen und abends kellnern gehen?

    Das größte Problem ist und bleibt: Nach dem Zusammenbruch der alten Medien gibt es noch keine überzeugenden Erlösmodelle, mit denen sich Qualitätsjournalismus bezahlen ließe.

  4. Es gibt eine Idee die Journalisten zu bezahlen.

    Die schwedischen Klickhuren
    Bei der schwedischen Internetzeitung „Nyheter24“ entscheidet die Zahl der Leser darüber, wie viel der Autor an einem Artikel verdient.
    http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/klicks-als-kick/

    Haben wir das nicht schon des öfteren in deutschen Onlineangeboten gesehen ?

  5. Konrad Lischka

    Guten Tag, da muss ich als Netzwelt-Redakteur aber heftig widersprechen. Bevor Sie „Ebenso wie in den Blogposts möglichst auf externe Links verzichtet wird“ schreiben, schauen Sie sich doch lieber mal unsere Stücke an. Primärquellen zu verlinken ist bei uns eine Regel, keine Ausnahme. z.B.: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,612714,00.html . Acht externe Links sehe ich da im Text und im Kasten unten drunter noch einmal gebündelt (ZUM THEMA IM INTERNET). Hmmm?

  6. @Klardeutsch Ich sage ja nicht, Online-Angebot von Verlagen sollen werbefrei sein. Irgendwo muss das Geld herkommen. Aber es gibt auch im Internet weniger nervige Werbeformen als das Geblinke von Parship.de, Tchibo.de und Co, das vor allem im der Summe nervt.

    @Konrad Lischka
    Sie haben meinen Beitrag offenbar nur quer gelesen. Ich spreche von ”typischen Zeitungs-Websites“, nicht von Spiegel Online. SPON macht im Web vieles weitaus besser als der Durchschnitt und ist ja auch nicht umsonst Reichweitensieger unter den Verlagsportalen. Aber Sie wissen ebenso gut wie ich, wie in sich abgeschottet die durchschnittliche Print-Website gestaltet ist.

  7. Konrad Lischka

    @Ulrike Langer Nein, ich habe Ihren Beitrag sehr aufmerksam gelesen. Mich stört nur die Mischung aus Pauschalisierung, Zuspitzung und dem sehr konkreten und einzigen Beispiel („Netzweltredakteur mit uraltem Verlagsportaldenken“). Passt nicht zusammen – entweder klar Fakten nennen oder auf Beispiele verzichten und eine Pauschalkritik aufschreiben. Vielleicht bin ich da etwas befangen – danke für die Kokretisierung. Ich weiß übrigens nicht, wie die „typische Zeitungs-Websites“ aussieht. Aber wenn ich mir nyt, guardian usw. ansehe – hmmm, nein, nicht so.

  8. Gunnar Ritzmann

    Ich kann mich Konrad Lischka nur anschließen. Diese permanente Frontziehung zwischen den „bösen“ und trotteligen kommerziellen Anbietern und den „guten“ und am Puls der Zeit lebgenden Bloggern geht mir mittlerweile extrem auf die Nerven. Es besteht fachlich, handwerklich und von der Zielgruppe her ein gewaltiger Unterschied zwischen Bloggern und „klassischen“ Journalisten, wobei es dabei natürlich Schnittmengen gibt und sich das nach und nach wandelt. Der Spiegel-Beitrag wollte meinem Verständnis nach dieses leidige Fass auch gar nicht aufmachen, sondern darauf verweisen, dass Google Produkte ins Netz stellt, deren Qualität auf der engagierten Arbeit und den Kosten anderer beruht. Und dass dem so ist, kann definitiv nicht wegdiskutiert werden, Blog-Strategie sogenannter klassischer Medien hin oder her. Und zum Werbungsvorwurf: Meines wissens versuchen die Johnny Häußlers dieser Welt bereits seit geraumer Zeit, Blog-Umfelder zu vermarkten. Die Bösen.

  9. Pingback: Wenn Nachrichtenseiten Blogs wären: Omas Zeitung liegt im Sterben « Gunnarsohn’s Weblog

  10. Guter Kommentar.

    Die andere Anmerkung könnte natürlich sein, dass die „Leistung“ der Redaktionen von Google durch die Beobachtung des Leseverhaltens von schätzungsweise 10 Leute des Reuters Feeds im Google Reader ersetzt werden könnte.

    Und solange Quellen in Mainstreammedien nicht sauber verlinkt werden, haben die eh kein Mitleid verdient. Die verlinken ja nicht nur so gut wie gar nicht in die Blogosphäre, sondern auch nicht untereinander. Wie eine große Boulevardzeitung berichtete … Man, was eine Steinzeitformulierung … Nicht einmal den Namen sagt man …

  11. @Konrad Lischka
    Spiegel Online muss ich natürlich explizit nennen, weil dort nunmal der Beitrag erschienen ist, auf den ich mich beziehe, und dessen Thesen ich nicht teile.

    @Gunnar Ritzmann
    Ich sehe nicht, dass ich eine Front zwischen ”guten“ Bloggern und ”bösen klassischen“ Journalisten gezogen habe. Ich verdiene ja selbst mein Geld als Printjournalistin. Ich glaube aber, dass vor allem Regionalzeitungen als klassische Portale im Web wenig Zukunft haben. Insofern sollten sie sich öffnen und mehr vernetzen und insofern ”bloggiger“ werden. Die New York Times und der Guardian probieren ja nicht ohne Grund in der Werbekrise gerade völlig neue Wege aus.

    Es sei denn natürlich, man ist ein Wall Street Journal oder eine Financial Times und kann exklusive Inhalte an institutionelle Abonnenten verkaufen, dann gelten andere Geschäftsmodelle.

  12. Pingback: kurz notiert: Das Internet am 19.03.2009 « Gedankensolo

  13. Klickvieh-Gehege, Holzmedien – es wird immer genialer. Ich lese eigentlich gar nichts mehr, wo ich nicht kommentieren darf. Ich muss jetzt nur noch die FTD durch äquivalente Blogs ersetzen – dann ist Schluss mit den alten Medien.

  14. Ich glaube übrigens, dass wir viel respektvoller auf Blogs miteinander umgehen, nicht nur, weil wir nicht uns selber überlassen werden, sondern auch, weil wir ja einen eigenen Blog haben und dort will niemand Return-To-Sender-Trolle haben.

  15. @100sunny
    >Ich lese eigentlich gar nichts mehr, wo ich nicht kommentieren darf.<

    Ich schon. Aber ich kommentiere nichts mehr, wo ich nicht verlinken darf.

  16. Pingback: » LINKLOAD vom 19.03.2009 [UPLOAD Blog]

  17. Pingback: Verlage im Kampf gegen Google und die falsche Wahl der Waffen | netzfeuilleton.de

  18. Pingback: 6 vor 9: Studien, Klickvieh, Lesekultur » medienlese.com

  19. Pingback: freitags news flash KW 12 | ethority weblog

  20. Guter Beitrag, viel Wahrheit, passende Aufklärung. Anderer Denkansatz, gleiche Meinung… http://tinyurl.com/c6mxv5

  21. Vieles ist richtig, den Ausdruck „Klickvieh“ halte ich für genial – aber:

    „Seltsam: Erstens haben es Verlage selbst in der Hand, ihren exklusiven Content statt generischer Agenturmeldungen auf ihren Portalen ‚oben‘ zu platzieren.“

    An dieser Stelle ist die Kritik des SPON-Artikels meiner Meinung nach richtig: Die Portale können ihren exklusiven Content noch so weit nach oben ziehen (was sie für gewöhnlich auch tun), auf Google News wird er nicht gefunden. Dort taucht nur auf, wer Agentureinheitsbrei liefer, denn exklusiver Content ist nunmal, wie das Wort schon so schön nahelegt exklusiv – damit nur auf einem Portal und bei Google News damit sehr gering gewichtet.

  22. Ein Beispiel für die „typische Verlagsseite“ ist garantiert das hier: http://www.freies-wort.de

  23. Hier herrscht mal wieder die völlige Verzweiflung angesichts o.g. Fazits:
    „Das größte Problem ist und bleibt: Nach dem Zusammenbruch der alten Medien gibt es noch keine überzeugenden Erlösmodelle, mit denen sich Qualitätsjournalismus bezahlen ließe.“
    Google hat die Frage gelöst und verdient eine Milliarde $ mit Qualitätsjournalismus, den andere produzieren.
    Wie deutsche Verleger davon lernen könn(t)en, habe ich ja schon mal gebloggt. Ist aber lange her – vielleicht kapiert’s irgendwann mal jemand: http://blog.firstmedia.de/?p=843

  24. @Thomas:
    Ja, das Beispiel geht in die Richtung, die ich meine. Allerdings abgemildert: Die Werbung ist nicht von der schlimmsten Sorte. Und immerhin lassen sie Kommentare direkt unter den redaktionellen Beiträgen zu, auch wenn ich gerade fast keine gefunden habe….

    @Frank Huber:
    Ich habe Ihren verlinkten Beitrag gerade gelesen. Das ist ein ebenso interessanter wie radikaler Ansatz. Welche Reaktionen von Verlagen haben Sie denn darauf bekommen? Und ein interessantes Blog betreiben Sie – habe ich gleich mal in meinen Feedreader gepackt🙂

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