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Unausrottbarer Irrglaube in Sachen GEZ-Gebühren

Ein Vierteljahrhundert und ein paar Tage alt sind die beiden ältesten deutschen Privatsender RTL und Sat.1. Und schon genauso lange hält sich erstaunlicherweise ein weitverbreitetes Missverständnis: Der Irrglaube nämlich, dass die Rundfunkgebühren nach irgendeinem Berechnungsschlüssel unter allen Sendeanstalten aufgeteilt würden. Neun Prozent der bis 49-jährigen Zuschauer sind dieser Meinung. Und acht Prozent glauben sogar, die GEZ-Gebühren seien AUSSCHLIESSLICH für die Privatsender bestimmt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstitutes forsa im Auftrag des RTL-Werbevermarkters IP Deutschland hervor. Im Dezember 2008 befragte Forsa dazu 1.006 Personen zwischen 14-49 Jahren, wie die IP Deutschland heute meldete.

Die Umfrage wirft einige weitere interessante Fragen auf, die aber leider nicht gestellt wurden. Zum Beispiel, wovon sich ARD und ZDF wohl nach Meinung derer finanzieren, die glauben, die Gebühren verschwänden zum Teil oder sogar ganz auf den Konten der Privatsender. Oder was die Zuschauer ab 50+ wohl glauben, die aber nicht gefragt wurden, weil sie für die Privatsender als nicht werberelevant und somit als minderwertig gelten. Anzunehmen ist allerdings: Wer noch mit nur drei TV-Programmen erwachsen wurde und auch damals schon GEZ-Gebühren gezahlt (oder auch die Zahlung vermieden) hat, wird in der Regel wohl besser wissen, dass es die Rundfunkgebühren schon gab, als hierzulande Privatsender noch per Rundfunkgesetz verboten waren.

Mit einer interessengesteuerten Fragestellung – was man bei einem auftragebenden Privatsendervermarkter vielleicht vermuten könnte – hat das Nichtwissen vieler junger Zuschauer übrigens nichts zu tun. Die Frage war von forsa durchaus neutral formuliert:

frage2
Im Umfeld von ARD und ZDF wird man wohl nicht allzu erpicht darauf sein, die jungen Zuschauer über die Gebührenverwendung besser aufzuklären. Offiziell ist das nämlich so mit den Gebühren – sie sind gar nicht nur für ARD und ZDF bestimmt, sondern damit wird laut Rundfunkstaatsvertrag das übergeordnete duale System finanziert. Das besagt, dass die Privatsender ohne die öffentlich-rechtlichen Sender gar nicht existieren dürfen. Wenn also ARD und ZDF keine Gebühren mehr bekommen, müssten auch RTL und Sat.1 wieder verschwinden. Ergo kann man daraus schließen, das die Privatsender doch irgendwie von den Rundfunkgebühren profitieren.

Genauso verschwurbelt, aber von Angehörigen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sinngemäß immer wieder zu vernehmen: ”Die Privatsender sind auch nicht kostenlos zu empfangen. Die Gebühren dafür stecken in den Produkten der Werbekunden.“ Na klar, wenn die großen Marken bei RTL, Sat.1 und Co. nicht mehr werben könnten, dann würden sie lieber gar nicht mehr werben (anstatt mehr Plakate oder Kinospots oder Zeitungsanzeigen zu belegen) und das eingesparte Geld käme den Verbrauchern zugute. Nach dieser bestechenden Logik hat sich der Preis für eine Schachtel Zigaretten ja auch sofort verbilligt, als in den 70er Jahren die Zigarettenwerbung im Fernsehen verboten wurde….

Einige weitere interessante Ergebnisse aus der Studie, die ebenfalls nicht durch eine tendenziöse Fragestellung zustandekamen: Die Mehrheit der jüngeren Fernsehzuschauer hat von der Höhe des Gebührenaufkommens keinen blassen Schimmer:

frage3

Nur ein knappes Drittel glaubt, dass ARD und ZDF mehrere Milliarden pro Jahr aus dem Gebührentopf erhalten. Ein weiteres Drittel glaubt, dass es nur zwischen 100 Mio und 1 Mrd. Euro sind. Und das letzte Drittel schätzt das jährliche Gebührenaufkommen auf gar unter 100 Mio. Euro. Umgekehrt glauben Dreiviertel der Befragten fälschlicherweise, die jährlichen Werbeeinnahmen aller Privatsender lägen deutlich über den Rundfunkgebühren der Öffentlich-Rechtlichen – nach der jüngsten Erhöhung am 1.1.09 auf 17,98 Euro pro Monat betragen die Gebühren immerhin knapp acht Milliarden Euro jährlich. Auf gerade einmal die Hälfte dieser Summe kommen die Privatsender mit ihren Werbeeinahmen. Bei soviel Halb- und Nichtwissen rund um die Rundfunkgebühren fragt man sich allerdings, worüber sich die Leute eigentlich aufregen, wenn die Bildzeitung mal wieder mit einem ”Gebührenaufreger“ aufmacht.

Über Kommentare und eine lebhafte Diskussion zu diesem Thema würde ich mich freuen.