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„Unsere Quellen googeln uns“ – Insider-Tipps zum Social Media Journalism beim Global Media Forum

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Daniel Hirschler, Emer Beamer, Ulrike Langer, Marcus Bösch, Kevin Anderson, Guy Degen. Foto: DW / K. Danetzki

Als der damalige Radioreporter Kevin Anderson vor zwei Jahren einige Soldaten der US-Armee in seine BBC-Radiosendung einlud, die von ihren Erfahrungen im Irak berichteten, stürmte nach der Show ein Nachrichtenredakteur in sein Büro und fragte ihn: ”Wie hast Du das gemacht? Wie hast Du sie kontaktiert? Wir fragen seit einem halben Jahr beim Pentagon an und die rücken nicht mal mit einer einzigen Email-Adresse heraus.“ ”Ganz einfach“, so Anderson zum Redakteur. „Die Soldaten bloggen. Und die Email-Adressen stehen auf ihren Blogs.“

Anderson, der mittlerweile  „blog editor“ beim Guardian ist (gibt es eine vergleichbare Stellenbeschreibung eigentlich auch schon bei deutschen Zeitungen?), erzählte diese Anekdote gestern nachmittag beim Panel „Social media journalism“ im Rahmen des Global Media Forum der Deutschen Welle. Dort stand der Nutzen von Social Media Tools beim Journalismus in Krisengebieten im Mittelpunkt. Für Anderson ist das Rätsel, warum es ihm leicht fiel, mit den Irak-GIs  direkt in Kontakt zu treten, leicht zu lösen: ”That’s the power of social media.“ Ohne einen glaubwürdigen Ruf als Journalist und Belege dafür im Web wäre allerdings auch Anderson mit seiner Irak-Recherche in der GI-Bloggerszene nicht weit gekommen. Anderson: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unsere Quellen uns googeln.“

Auch für Guy Degen, Auslandsreporter der Deutschen Welle, ist die Möglichkeit, über soziale Netzwerke in unmittelbaren Kontakt mit seinen Nutzern zu treten, ein Wert, den er nicht mehr missen möchte. Degen berichtet vorwiegend aus afrikanischen Ländern und braucht dazu nichts weiter als ein Mobiltelefon und ein halbwegs stabiles UMTS-Netz. Degen nennt sein Handy seinen „Tech-Partner“. Es sei gut, ihn bei zu haben, findet er. ”Man fühlt sich nicht so alleine da draußen“.

Doch „alleine“ ist ohnehin relativ. Degen berichtet mit einfachsten Mittel mobil, multimedial, nahezu live und mit eingebautem Rückkanal: Er twittert, schickt Fotos per Twitpic, Live-Videos direkt vom Mobiltelefon zur Plattform Qik und Live-Audio zu Utterly. Damit sein multimediales Reporterpaket auf Twitter gefunden werden kann, bekommen alle Elemente, die zum gleichen Thema gehören, eine gemeinsame Nachrichtenüberschrift. Für Marcus Bösch, der als freier Journalist für die Deutsche Welle schreibt und mit seiner wöchentlichen Blogschau Rezensionen und Linktipps als Podcast gestaltet, ist ebenfalls Twitter der Feedback-Kanal Nummer 1. ”Mehr als 800 Leute folgen mir bei @blogschau und die kenne ich“, sagt Bösch. ”Ich sehe ihr Twitter-Profil und kann von dort ihre Blogs oder Webprofile anklicken.“ Feedback ist seitdem für ihn kein Fremdwort mehr. Beim Guardian ist Twitter ebenfalls Feedback-Kanal, aber inzwischen auch ein wichtiger Traffic-Bringer. ”Unser Ressort Technologie bekommt inzwischen Aufrufe durch Links von Twitter als von Google News“, sagt Anderson.

ushahidiEmer Beamer ist keine Journalistin, sondern eine irische Web-Designerin und -Programmiererin. Sie wurde auf das Panel gebeten, weil sie mit ihrer Agentur butterflyworks Social Media Plattformen schafft, die zum Beispiel Crowdsourcing in Krisengebieten ermöglichen. „Meine Mission im Leben ist es, die Mission anderer zu ermöglichen“, sagt Beamer. Der Agenturname passt gut zu diesem Motto. Ein Projekt, von butterflyworks unterstützt, ist beispielsweise die kenianische Plattform Ushahidi – sie beruht auf einem Mashup aus per SMS geschickten Meldungen, z.B. in welchen Straßenzügen gerade Kämpfe stattfinden, die von Freiwilligen auf ihre Plausibilität überprüft und dann nahezu live auf einer Google Maps Anwendung eingetragen werden. Hunderte von Kenianern tragen Informationen live vor Ort zusammen, weil sie sich dort bewegen, wo Reporter sich entweder nicht hintrauen, nicht dürfen oder nicht hin können, weil sie nicht überall gleichzeitig sein können. Die Website für die Anwendung wurde vor Ort von Studenten einer Webdesign-Akademie in den Slums von Nairobi gestaltet, ist also nicht von außen übergestülpt, was maßgeblich zu ihrer Beliebtheit beiträgt.

Auch für Journalisten kann dieser von vielen einzelnen dicht gewobener Infoteppich eine wertvolle Informationsquelle sein. Kevin Anderson warnt allerdings davor, Informationen von Bürgern, die in ihrem Selbstverständnis oft weder Bürgerjournalisten sind noch sein wollen, ungefragt in die Welt hinaus zu tragen. Oder die Menschen zu belästigen: „Diese Leute  befinden sich dauerhaft oder plötzlich in Krisensituationen. Sie haben sich nicht freiwillig in diese Situationen begeben und suchen nicht unbedingt das Rampenlicht.“ Mir fällt dazu das Beispiel der jungen Verlagsangestellten in Winnenden ein, die nach ihrem einen Tweet an ihre Bekannte, sie sollten die Innenstadt meiden, stundenlang von Reportern aus dem In- und Ausland bestürmt wurde und schließlich twitterte: ”Liebe Presse, ich weiß doch auch nichts.“

Ein mögliches  Big Brother Szenario des crowdsourcing Journalismus, mit dem sich niemand anfreunden konnte, entwarf Moderator Daniel Hirschler, Projektmanager der DW-Akademie in Laos. In Krisengebieten könnten Nachrichtenredaktionen künftig auf die Idee kommen, Mashups wie Ushahidi zu nutzen, um Reporter und Bürgerreporter per Handy quasi ferngesteuert vor Ort zu schicken. ”Gehe du mal einen Block weiter nach Norden und schicke mir von der Kreuzung xy ein Handyvideo. Ich bezahle Dich per PayPal“. Guy Degen würde lieber Mitglied einer Gruppe sein, die gemeinsam aus Krisengebieten berichtet. ”Aber wo genau ich mich hinbewege, dass entscheide ich immer noch selbst vor Ort.“

Meine 10 Thesen zum Social Media Journalismus, als Paper für die Kongressdokumention, habe ich schon vorab gebloggt. Hier geht’s zur deutschen Version und hier zur englischen Version.

Und hier ist der Link zur  Audio-Datei der Panel-Diskussion (auf englisch, 83 Minuten, Ton hat anfangs kleine Aussetzer):

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