„Unsere Quellen googeln uns“ – Insider-Tipps zum Social Media Journalism beim Global Media Forum

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Daniel Hirschler, Emer Beamer, Ulrike Langer, Marcus Bösch, Kevin Anderson, Guy Degen. Foto: DW / K. Danetzki

Als der damalige Radioreporter Kevin Anderson vor zwei Jahren einige Soldaten der US-Armee in seine BBC-Radiosendung einlud, die von ihren Erfahrungen im Irak berichteten, stürmte nach der Show ein Nachrichtenredakteur in sein Büro und fragte ihn: ”Wie hast Du das gemacht? Wie hast Du sie kontaktiert? Wir fragen seit einem halben Jahr beim Pentagon an und die rücken nicht mal mit einer einzigen Email-Adresse heraus.“ ”Ganz einfach“, so Anderson zum Redakteur. „Die Soldaten bloggen. Und die Email-Adressen stehen auf ihren Blogs.“

Anderson, der mittlerweile  „blog editor“ beim Guardian ist (gibt es eine vergleichbare Stellenbeschreibung eigentlich auch schon bei deutschen Zeitungen?), erzählte diese Anekdote gestern nachmittag beim Panel „Social media journalism“ im Rahmen des Global Media Forum der Deutschen Welle. Dort stand der Nutzen von Social Media Tools beim Journalismus in Krisengebieten im Mittelpunkt. Für Anderson ist das Rätsel, warum es ihm leicht fiel, mit den Irak-GIs  direkt in Kontakt zu treten, leicht zu lösen: ”That’s the power of social media.“ Ohne einen glaubwürdigen Ruf als Journalist und Belege dafür im Web wäre allerdings auch Anderson mit seiner Irak-Recherche in der GI-Bloggerszene nicht weit gekommen. Anderson: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unsere Quellen uns googeln.“

Auch für Guy Degen, Auslandsreporter der Deutschen Welle, ist die Möglichkeit, über soziale Netzwerke in unmittelbaren Kontakt mit seinen Nutzern zu treten, ein Wert, den er nicht mehr missen möchte. Degen berichtet vorwiegend aus afrikanischen Ländern und braucht dazu nichts weiter als ein Mobiltelefon und ein halbwegs stabiles UMTS-Netz. Degen nennt sein Handy seinen „Tech-Partner“. Es sei gut, ihn bei zu haben, findet er. ”Man fühlt sich nicht so alleine da draußen“.

Doch „alleine“ ist ohnehin relativ. Degen berichtet mit einfachsten Mittel mobil, multimedial, nahezu live und mit eingebautem Rückkanal: Er twittert, schickt Fotos per Twitpic, Live-Videos direkt vom Mobiltelefon zur Plattform Qik und Live-Audio zu Utterly. Damit sein multimediales Reporterpaket auf Twitter gefunden werden kann, bekommen alle Elemente, die zum gleichen Thema gehören, eine gemeinsame Nachrichtenüberschrift. Für Marcus Bösch, der als freier Journalist für die Deutsche Welle schreibt und mit seiner wöchentlichen Blogschau Rezensionen und Linktipps als Podcast gestaltet, ist ebenfalls Twitter der Feedback-Kanal Nummer 1. ”Mehr als 800 Leute folgen mir bei @blogschau und die kenne ich“, sagt Bösch. ”Ich sehe ihr Twitter-Profil und kann von dort ihre Blogs oder Webprofile anklicken.“ Feedback ist seitdem für ihn kein Fremdwort mehr. Beim Guardian ist Twitter ebenfalls Feedback-Kanal, aber inzwischen auch ein wichtiger Traffic-Bringer. ”Unser Ressort Technologie bekommt inzwischen Aufrufe durch Links von Twitter als von Google News“, sagt Anderson.

ushahidiEmer Beamer ist keine Journalistin, sondern eine irische Web-Designerin und -Programmiererin. Sie wurde auf das Panel gebeten, weil sie mit ihrer Agentur butterflyworks Social Media Plattformen schafft, die zum Beispiel Crowdsourcing in Krisengebieten ermöglichen. „Meine Mission im Leben ist es, die Mission anderer zu ermöglichen“, sagt Beamer. Der Agenturname passt gut zu diesem Motto. Ein Projekt, von butterflyworks unterstützt, ist beispielsweise die kenianische Plattform Ushahidi – sie beruht auf einem Mashup aus per SMS geschickten Meldungen, z.B. in welchen Straßenzügen gerade Kämpfe stattfinden, die von Freiwilligen auf ihre Plausibilität überprüft und dann nahezu live auf einer Google Maps Anwendung eingetragen werden. Hunderte von Kenianern tragen Informationen live vor Ort zusammen, weil sie sich dort bewegen, wo Reporter sich entweder nicht hintrauen, nicht dürfen oder nicht hin können, weil sie nicht überall gleichzeitig sein können. Die Website für die Anwendung wurde vor Ort von Studenten einer Webdesign-Akademie in den Slums von Nairobi gestaltet, ist also nicht von außen übergestülpt, was maßgeblich zu ihrer Beliebtheit beiträgt.

Auch für Journalisten kann dieser von vielen einzelnen dicht gewobener Infoteppich eine wertvolle Informationsquelle sein. Kevin Anderson warnt allerdings davor, Informationen von Bürgern, die in ihrem Selbstverständnis oft weder Bürgerjournalisten sind noch sein wollen, ungefragt in die Welt hinaus zu tragen. Oder die Menschen zu belästigen: „Diese Leute  befinden sich dauerhaft oder plötzlich in Krisensituationen. Sie haben sich nicht freiwillig in diese Situationen begeben und suchen nicht unbedingt das Rampenlicht.“ Mir fällt dazu das Beispiel der jungen Verlagsangestellten in Winnenden ein, die nach ihrem einen Tweet an ihre Bekannte, sie sollten die Innenstadt meiden, stundenlang von Reportern aus dem In- und Ausland bestürmt wurde und schließlich twitterte: ”Liebe Presse, ich weiß doch auch nichts.“

Ein mögliches  Big Brother Szenario des crowdsourcing Journalismus, mit dem sich niemand anfreunden konnte, entwarf Moderator Daniel Hirschler, Projektmanager der DW-Akademie in Laos. In Krisengebieten könnten Nachrichtenredaktionen künftig auf die Idee kommen, Mashups wie Ushahidi zu nutzen, um Reporter und Bürgerreporter per Handy quasi ferngesteuert vor Ort zu schicken. ”Gehe du mal einen Block weiter nach Norden und schicke mir von der Kreuzung xy ein Handyvideo. Ich bezahle Dich per PayPal“. Guy Degen würde lieber Mitglied einer Gruppe sein, die gemeinsam aus Krisengebieten berichtet. ”Aber wo genau ich mich hinbewege, dass entscheide ich immer noch selbst vor Ort.“

Meine 10 Thesen zum Social Media Journalismus, als Paper für die Kongressdokumention, habe ich schon vorab gebloggt. Hier geht’s zur deutschen Version und hier zur englischen Version.

Und hier ist der Link zur  Audio-Datei der Panel-Diskussion (auf englisch, 83 Minuten, Ton hat anfangs kleine Aussetzer):

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Global Media Forum: 10 Strategies for a Journalism 2.0

GlobalMediaForumLogoA special event at the Global Media Forum hosted by Germany’s global broadcaster Deutsche Welle is the  symposium „Re-Inventing Journalism? Journalistic Training in the Social Media Age“. I will be discussing the topic of social media journalism on a panel with Kevin Anderson (Blog Editor of Guardian), Marcus Bösch of the DW and other experts.


I have submitted a paper called „10 Journalistic Strategies for Competing in the Web 2.0“ which I’m posting for discussion on my blog. I would most grateful for feedback. This is an experiment in which I am starting occasional crossposts in English. In my new blog design (coming soon!) I will find a more elegant way to publish the English posts in a separate blog section, but for now, this will have to do. (switch to the German version)

10 Strategies for a Journalism 2.0

1. Enable discussion

Journalism 1.0 prints a finished story or puts a finished story on the web. The readers may then – sometimes, but not always – comment on the story. The author or an editor is not actively present except to delete inappropriate comments. Journalism 2.0 is different. A story isn‘t ”finished“ once it‘s been published. Authors need to join the discussion. Comments by users need to become an equally recognized part of the story-development process. Comments need to be freed from their traditional ghettos and be placed prominently. Blogs, which have always been more open in allowing discussion, can be a role-model in this process.

The Canadian newspaper Toronto Globe & Mail is developing steadily into this direction. Communities Redakteur Matthew Ingram describes the strategy in his blog:

Over the next few weeks and months, we will be adding new community features as well, including forums and groups, which will allow you to have a focused discussion around a specific issue, rather than having to do that through comments on a particular news story. In some cases, we may close comments on a story but open a forum where readers can discuss a contentious issue in a more closely moderated environment.

I am also working hard to convince our writers of the benefits of responding to comments, and interacting with readers. I can assure you that we don’t see comments as simply a „ghetto that will drive page views.“ I will say that one of the easiest ways to convince writers that your comments are worth responding to is to say something intelligent (it doesn’t necessarily have to be in agreement).

2.    Imperative of the link economy: Make yourself part of the discussion

Media platforms need to open up and be found where their readers, viewers and users are instead of locking in their content behind closed walls or pay walls. In the link economy, as outlined by Jeff Jarvis (director of the Graduate School of Journalism’s new-media program at the City University of New York and author of „What Would Google Do?“), journalism sites are the more valuable the more they are interconnected with the rest of the online world. Content that can‘t be searched and can‘t be found because it is hidden behind a pay-wall is less valuable in the link economy because it can only be discussed within small closed circles. The New York Times has recognized this principle and re-opened its subscription-based web platform („Times Select“) in 2007. Since then webtraffic has increased by more than 40 percent, and the additional revenue from advertising has by far increased the loss of subscription revenue.

The importantance of links from users to free content can’t be overestimated. According to the research company Hitwise, in the UK, ten percent of all links from Twitter point to traditional news websites. In absolute figures this is still only 0.3 percent of the total traffic to news websites, since Twitter – in spite of its tremendous growth rate – is still relatively small in Europe. But in the UK Facebook is already responsible for 3.3 percent of all traffic to journalistic sites – this is twice as much as from Google.

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3.    APIs: Journalism needs to be where the users are

The Guardian, the New York Times, National Public Radio , and the BBC enable other sites to embed their content (widgets) and enables the news organizations to be everywhere the user wants them to be. The NYT announced in February 2009 that it has released a new Application Programming Interface (API) offering every article the paper has written since 1981 – an amazing amount of 2.8 million articles. The API includes 28 searchable fields and updated content every hour. User can put an NYT widget on their blogs or a Guardian widget on their Facebook profiles and thus turn their web profiles into news sites with high-quality content.

ReadWriteWeb analyzes:

This is a big deal. A strong press organ with open data is to the rest of the web what basic newspaper delivery was to otherwise remote communities in another period of history. It’s a transformation moment towards interconnectedness and away from isolation. A quality API could throw the doors wide open to a future where „newspapers“ are important again.

What does that mean? It means that sites around the web will be able to add dynamic links to New York Times articles, or excerpts from those articles, to pages on their own sites. The ability to enrich other content with high quality Times supplementary content is a powerful prospect.

4. Use multimedia forms of storytelling and enable users‘ creativity

GuardianThe  Guardian has visualized all the data in the MP expense scandal (who claimed what? who paid it back? who didn’t?)  in a spreadsheet. The most amazing thing about this is not the brilliant presentation, but rather the openness and colloborative character of the project which is manifested by this question the Guardian asks on its homepage:

  • Can you do something with this data? Please post us your visualisations and mash-ups below or mail us at datastore@guardian.co.uk

5. Do what you do best and link to the rest

For many years journalists have been taught not to link to competitors sites, but to keep the traffic on the media company’s own domain. They have to be retaught.  According to Jeff Jarvis the „cultur of linking“ is creating „a new architecture of news“:

This leads to a new Golden Rule of Links in journalism — link unto others’ good stuff as you would have them link unto your good stuff. This emerges from blogging etiquette but is exactly contrary to the old, competitive ways of news organizations: wasting now-precious resources matching competitors’ stories so you could say you’d done it yourself. That must change.

News sites should concentrate on their core value and recognize this quality in other sites too. Another Jarvis‘ rules applies: ”Do what you do best and link to the rest.“ User, who are confronted with valuable links on a news site, will love to come back for more good links.

Again, blogs with culture of freely linking to valuable outside content and their recognition of other good blogs and sites in their blogrools can be viewed as a role model. But some first examples of more traditional media now recognizingg this principle are showing up on the web.

  • ProPublica, an independent, non-profit newsroom that produces investigative journalism in the public interest (publishing since June 2008), links to outside sites in its section „Breaking on the Web“. ProPublica is led by Paul Steiger, the former managing editor of The Wall Street Journal, Stephen Engelberg, a former managing editor of The Oregonian, Portland, Oregon and former investigative editor of The New York Times as managing editor.
  • The Washington Post also freely links outside in its sections „Required Reading“ and ”Staff Picks“.

6. Think Multimedia

Journalism training in the year 2009 needs to train print journalists to think in links, linear story tellers to think multilinear, radio journalists to take pictures and photographers to make use of a video camera. A few German journalism schools like the Axel Springer Akademie are setting exemples. But the vast majority of mid-career journalists in their forties or fifties will have to take it mainly into their own hands to learn and be proficient with social media and new technology. Otherwise many of them will find themselves without a job, because the skills they once learned are out of demand.

nytAttractive content on web pages that really stands out is often designed in multimedia packages. Again the New York Times has gone a long way to experiment with being much more than a printed paper.

Here are three examples of US-papers experimenting with multimedia content in visually and conceptionally bold ways:

7. Make use of crowdsourcing

Media companies should not not train professional journalists to be proficient with multilinear and multimedia web reporting and using web 2.0 tools, but they should also teach new media enthusiasts to be more journalistic, i.e. use fact checking and quote correctly. Both groups shouldn’t view each other as competitors, but should work together (”crowdsourcing“).

Collaborative journalism has  huge potential. According to eMarketer, more than 82 million people in the U.S. created content online in 2008, a number expected to grow to nearly 115 million by 2013. 71 million people created content on social networks last year, while 21 million posted blogs, 15 million uploaded videos.  They are alle creators of media content in the broadest meaning. Until 2013 eMarketer predicts a rise to 115 million media creators.

Examples for the intelligent use of crowdsourcing:

  • Help Me Investigate (in private beta) is a platform for crowdsourcing investigative journalism in the West Midlands (UK). It allows anyone to submit a question they want to investigate – “How much does my hospital make from parking charges?” “What happened to the money that was allocated to my local area?” “Why was that supermarket allowed to be built opposite another supermarket? It is funded by Screen West Midlands and 4ip (digital innovation project funding by Channel 4)Find more information on the  Online Journalism Blog
  • Chicago Now (early beta) ) is an effort to create a new kind of local site by aggregating and curating local bloggers, staff material and other content. It includes social features, and mobile options. The  promotion-Video describes it as „HuffingtonPost meets Facebook for Chicago“. It is run be the Chicago Tribune.
  • Buzzriders.com is a collaborative project by well-known German blogger Robert Basic. He calls  it „a mixture of Twitter, blogs, Craigslist and social networks“ in which the user have as much editorial power as professional journalists. Right now he is on an introduction and fund-raising tour through Germany, visiting local communiteis who might be interested. More information in an  interview mit Yeebase. (in German)
  • MyHeimat.de a German collaborative citizen journalism project, predominantly up and running in small towns. Problem: it is often more public relations driven than driven by checked and balanced journalism. Partnering publishing companies include Augsburger Allgemeine, Hannoversche Allgemeine, Neue Presse, Oberhessische Presse and others. 

8. Think hyperlokal

Crowdsourcing offers opportunities to scale down journalism to very small, targeted and dedicated hyperlocal groups. It is an opportunity to reconnect professional journalists, the neighborhood and local advertisers who have never advertised in ”big media“ before, because the scale was too large for them. Now it isn’t anymore.

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Examples:

  • Are you being gouged? The New Yorker public radio station WNYC asked its listeners in  October 2007 in one of several  interactive ”crowdsourcing experiments“ to find out the price of a quart of milk, a six-pack of beer and a lettuce in their nieghborhood store.  Within 24 hours more 800 people had submitted data for a interactive price map – this would have a massive research project, if it had been undertaken by journalists, but it was no big deal at all by enlisting the crowd.
  • Everyblock – a project financed by the Knight Foundation
  • Placeblogger – a local blog aggregation site.
  • newsroom in an internet café –  In the Czech Republic hyperlocal citizen journalism is now produced in coffeeshops (a project funded by investment firm PPF Group) Cities. Find more  details in the  New York Times.

9. Embrace the idea of citizen funding

SpotusWho pays for a story, gets to decide which story will be researched and published.  Spot.Us is a project based on the idea to crowdsource not only journalism, but also its funding. an initiative started by 27-year-old US journalist David Cohn in San Francisco. At Spot.Us anyone can suggest a story. If it gets enough funding professional journalists will pursue it. After publication traditional media may reprint the story in which case the donors are reimbursed. Cohn’s project has some funding from the Knight foundation. During the first six months 23 stories have been published. The biggest donation has been collected for a fact-check on a local political campaign. Cohn journalistic training includes collaboration with Jay Rosen, media professor at New York University and founder of  NewAssignment.Net , a collaborative project for professional and citizen journalists. English language video interview with Cohn on the DW academy blog lab.

10. Embrace new technology

examples:

•    Shared bookmarks and Wikis facilititate collaborative research

•    Mobile reporting: streaming video to a website directly from a mobile phone for live reports

•     Inexpensive equipment like the Flip camera for video interviews. (The German tabloid Bild has made good use of them by selling a branded version to their citizen journalists. It has a special function for uploading videos directly to Bild.)

•   Google Wave (available later this year) may have the potential to revolutionalize both real-time and collaborative reporting. Jeff Jarvis speculates how Google can influence journalism in this blog post.

Global Media Forum: 10 Strategien für den Journalismus 2.0

GlobalMediaForumLogo( switch to the English version )Beim diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle gibt es am Donnerstag, 4. Juni, als Special Event das Symposium „Re-Inventing Journalism? Journalistic Training in the Social Media Age“. Dort diskutiere ich auf dem Podium u.a. mit Kevin Anderson (Blog Editor des Guardian) und mit Marcus Bösch von der DW.


Beim Call for Papers habe ich auf englisch „10 Journalistic Strategies for Competing in the Web 2.0“ eingereicht, die ich hier auf Deutsch zur Diskussion stellen möchte. Ich freue mich über gute Anregungen für das Symposium in den Kommentaren!

10 Strategien für den Journalismus 2.0

1. Diskussion ermöglichen

Journalismus 1.0 druckt eine fertige Geschichte oder stellt sie ins Netz. Dann dürfen die Leser in einem abgetrennten Bereich – manchmal, aber nicht immer – kommentieren. Der Autor schaltet sich in der Regel nicht in die Diskussion ein, die Redaktion höchstens, um umpassende Kommentare zu löschen. Journalismus 2.0 ist anders: Ein Beitrag ist nicht in dem Moment fertig, wo er veröffentlicht wird. Autoren sind gefordert, mitzudiskutieren. Nutzerkommentare müssen ein gleichwertiger Teil der Veröffentlichung werden, wobei aus einem Zeitpunkt ein Prozess wird. Außerdem müssen die Kommentare raus aus den Ghettos und prominent neben den dazu gehörigen Beiträgen platziert werden.

Die kanadische Zeitung Toronto Globe & Mail entwickelt sich konsequent in diese Richtung. Communities Redakteur Matthew Ingram schreibt dazu in seinem Blog:

Over the next few weeks and months, we will be adding new community features as well, including forums and groups, which will allow you to have a focused discussion around a specific issue, rather than having to do that through comments on a particular news story. In some cases, we may close comments on a story but open a forum where readers can discuss a contentious issue in a more closely moderated environment.

I am also working hard to convince our writers of the benefits of responding to comments, and interacting with readers. I can assure you that we don’t see comments as simply a „ghetto that will drive page views.“ I will say that one of the easiest ways to convince writers that your comments are worth responding to is to say something intelligent (it doesn’t necessarily have to be in agreement).

2. In der Link-Ökonomie müssen journalistische Plattformen öffentlicher Gesprächsstoff sein

Webplattformen von Medienhäusern dürfen sich nicht hinter Bezahlschranken verstecken. Sie müssen sich öffnen, um gefunden zu werden. In der Link-Ökonomie, wie sie der New Yorker Medienprofessor und Autor Jeff Jarvis (”Was würde Google tun?“) beschreibt, sind Medien-Websites um so wertvoller, um so mehr sie mit dem Rest der Onlinewelt vernetzt sind. Isoliert hinter Pay-Walls, hinter denen sie nicht gefunden, nicht verlinkt und nicht weiterempfohlen werden können, verlieren die Inhalte an Wert. Sie sind der öffentlichen Diskussion entzogen. Die New York Times hat das erkannt und hat die Bezahlschranke vor ihrem Angebot ”Times Select“ 2007 wieder aufgehoben. Seitdem ist der Traffic auf der NYT-Website um 40 Prozent gestiegen und die erhöhten Werbeeinnahmen haben die Gebührenverluste mehr als wettgemacht.

Die Bedeutung von Links kann gar nicht überschätzt werden: Das Marktforschungsunternehmen Hitwise hat für Großbritannien analysiert, dass zehn Prozent aller Links von Twitter auf Zeitungswebseiten führen. Da Nutzerzahlen von Twitter in Europa noch gering sind, ist das erst 0,3 Prozent des Gesamttraffics. Links von Facebook auf Verlagsseiten machen in GB aber schon 3,3 Prozent des Traffics aus – doppelt soviel wie von Google. (Mehr dazu bei Techfieber).

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3. APIs: Journalismus muss dort sein, wo die Nutzer sind

Der Guardian, die New York Times, National Public Radio (USA) und die BBC ermöglichen ihren Nutzern, Inhalte ”mitzunehmen“ und auf ihren eigenen Webseiten (oder wo auch immer sie wollen) einzubetten, z.B. in Form von Widgets. Die NYT hat im Februar 2009 eine offene Schnittstelle alias API (Application Programming Interface) angekündigt, mit der alle seit 1981 verfügbaren Beitraäge – über 2,8 Millionen (!) – im Web transportabel sind. Und zwar in Gänze, nicht nur als kurze Zitatschnipsel. Die Schnittstelle enthält 28 verschiedene Suchfelder und aktualisiert stündlich frischen Content. Nutzer können so zum Beispiel ihre Facebook-Website oder ihren Blog zum NYT-Newsticker machen.

Für ReadWriteWeb ist das ein entscheidender Schritt:

This is a big deal. A strong press organ with open data is to the rest of the web what basic newspaper delivery was to otherwise remote communities in another period of history. It’s a transformation moment towards interconnectedness and away from isolation. A quality API could throw the doors wide open to a future where „newspapers“ are important again.

What does that mean? It means that sites around the web will be able to add dynamic links to New York Times articles, or excerpts from those articles, to pages on their own sites. The ability to enrich other content with high quality Times supplementary content is a powerful prospect.

4. Journalistische Plattformen sollten multimediale Erzählformen und die Kreativität der Nutzer fördern

GuardianDer Guardian hat die gesamten verfügbaren Daten zum Spesenskandal der britischen Unterhaus-Abgeordneten (Wer hat welche Steuernachlässe in Anspruch genommen? Wer hat sie zurückgezahlt? Wer nicht?) in Tabellenform aufbereitet. Das Erstaunliche daran ist nicht so sehr die ausgezeichnete interaktive Darstellungsform, sondern vielmehr die Offenheit und der kollaborative Charakter des Projekts, der sich in dieser Frage an die Nutzer ausdrückt:

  • Can you do something with this data? Please post us your visualisations and mash-ups below or mail us at datastore@guardian.co.uk

5. Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest

Jahrelang ist Online-Journalisten beigebracht worden, bloß nicht nach draußen zur Konkurrenz zu verlinken. Sie sollten umdenken. Laut Jeff Jarvis gebiert die „Kultur des Verlinkens“ nicht weniger als eine „neue Nachrichtenarchitektur“:

This leads to a new Golden Rule of Links in journalism — link unto others’ good stuff as you would have them link unto your good stuff. This emerges from blogging etiquette but is exactly contrary to the old, competitive ways of news organizations: wasting now-precious resources matching competitors’ stories so you could say you’d done it yourself. That must change.

Journalistische Webseiten sollten sich nach Jarvis’s Leitsatz „Do what you do best and link to the rest“ auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und diese Kompetenzen auch bei den Wettbewerbern anerkennen. Nutzern, denen Mehrwert in Form von guten Links geboten wird, kehren um so lieber zurück.

Blogs mit ihrer liberalen Verlinkungskultur und dem bereitwilligen Anerkennen anderer guter Blogs in der Blogroll können hier als Vorbilder dienen. Doch auch manche Medien erkennen inzwischen, dass ”Link-Karma“ in beide Richtungen wirkt.

Beispiele:

  • ProPublica, eine unabhängige nicht-kommerzielle Redaktion, die seit Juni 2008 Themen des Gemeinwohls investigativ propublicarecherchiert, linkt in ihrer Rubrik ”Breaking on the Web“ nach draußen. ProPublica wird von Paul Steiger, (ex Wall Street Journal und Stephen Engelberg (ex The Oregonian und New York Times) geleitet.
  • Die Washington Post linkt ebenfalls freizügig nach draußen, z.B. in ihren Rubriken „Required Reading“ und ”Staff Picks“.

6. Multimedial denken

Im Jahr 2009 muss eine Journalistenaus- und weiterbildung zwingend medienübergreifend geschehen. Ausbildungsstätten wie die Axel Springer Akademie gehen hier beispielhaft voran. Doch davon profitieren nur die wenigsten Journalisten. Vor allem Freie müssen sich mittlerweile auch mit 40 oder 50 Jahren in Eigenregie für sie eventuell ganz neue Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, um nicht in einigen Jahren von Aufträgen ausgeschlossen zu bleiben. Printjournalisten müssen lernen, Verlinkungen mit zu denken, Radiojournalisten müssen auch Bilder liefern können und Fotografen müssen auch mit der Videokamera umgehen können.

nytWirklich attraktiver und preiswürdiger Webcontent zeichnet sich oft dadurch aus, dass hier ein Verlag die Printgrenzen überwunden und multimediale Darstellung nicht bloß als zusätzliches schmückendes Beiwerk benutzt, sondern in Qualität investiert.

In diesem Zusammenhang noch einmal drei beispielhaft erstklassige US-Projekte:

7. Die Weisheit der Masse nutzen

Medien und Bildungseinrichtungen sollten nicht nur professionelle Journalisten im Umgang mit Social Media Tools von Blogs bis Twitter schulen, sondern auch Social Media Nutzer, welche diese Techniken schon wie im Schlaf beherrschen, und Interesse an eine Kooperation haben, im Umgang mit journalistischen Gepflogenheiten von A wie Archiv bis Z wie Zitieren. Profi- und Amateur- oder Bürgerjournalisten müssen sich beim ”Crowdsourcing“ (die Weisheit der Masse anzapfen) nicht als Konkurrenten begreifen, sondern können konstruktiv zusammenarbeiten. Journalisten haben in dieser Konstellation vor allem die Aufgabe, Dialoge zu moderieren und Recherchen zu begleiten.

Kollaborativer Journalismus per Crowdsourcing hat ein riesiges, bisher noch weitgehend ungenutztes Potenzial. Laut eMarketer haben allein in den USA mehr als 82 Millionen Menschen eigene Inhalte ins Netz gestellt, davon 21 Millionen auf Blogs – und sind somit im weitesten Sinne als Medienschaffende zu bezeichnen. Bis 2013 soll ihre Zahl auf 115 Millionen anwachsen.

Beispiele für die Nutzung von Crowdsourcing:

  • Help Me Investigate (im privaten Beta-Stadium) ist eine britische Plattform für investigatives Crowdsourcing. Die Rechercheanstösse kommen von Nutzern, die über die Plattform Gleichgesinnte für eine Recherche finden können, z.B: „Wieviel Geld verdient mein Krankenhaus mit Parkgebühren?“ Die Mittel stammen teilweise aus dem digitalen Innovationsprojekt 4ip des Privatsenders Channel 4. Weitere Infos beim Online Journalism Blog
  • Chicago Now (frühes Beta-Stadium) aggregiert Recherchen und Stories von Journalisten, Bloggern und engagierten Bürgern und vergleicht sich selbst in einem Promotion-Video mit einer ”Mischung aus Huffington Post und Facebook für Chicago. Dahinter steckt die Chicago Tribune.
  • Buzzriders.com ist ein lokales Nachrichtenprojekt des Bloggers Robert Basic (ehemals Basic Thinking). Basic nennt das Projekt „eine Mischung aus Twitter, Blogs, Craigslist und Social Networks“, bei dem die Nutzer ebenso das Sagen haben sollen wie professionelle Jounrnalisten. Momentan befindet sich der Initiator auf Einführungstour, um das Projekt interessierten Gemeinden und lokale Gruppierungen vorzustellen. Nähere Infos im Interview mit Yeebase.
  • MyHeimat.de Ein kollaboratives lokal Nachrichtenprojekt, das vor allem in kleineren Städten aktiv ist. Manchmal etwas PR-lastig. Partnerpubikationen sind unter anderem die Augsburger Allgemeine, Hannoversche Allgemeine, Neue Presse und die Oberhessische Presse.

8. Hyperlokal denken

Crowdsourcing bietet die Chance, Journalismus auf kleinste lokale Einheiten herunterzubrechen und somit über das zu berichten, was die Nutzer in ihren Stadtvierteln oder Dörfern interessiert.

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Beispiele:

  • Are you being gouged? Der Yorker Radiosender WNYC (public radio) rief im Oktober 2007 in einem von mehreren interaktiven ”crowdsourcing experiments“ seine Hörer dazu auf, den Preis für eine Tüte Milch, ein Sixpack Bier und einen Salat in ihrem Laden um die Ecke zu ermitteln und kam so innerhalb von 24 Stunden auf 800 Einträge für eine interaktive Preisübersicht als Karte – ein Rechercheaufwand, den die Handvoll Journalisten des Senders niemals hätten leisten können, 800 interessierte Bürger aber ohne weiteres.
  • Everyblock – ein Projekt finanziert von der Knight Foundation
  • Placeblogger – eine lokale Blog-Aggregations-Site.
  • Redaktion im Internetcafé – ein tschechisches Projekt auf lokaler Ebene, bei dem jeweils eine Redaktion im Hinterzimmer von Internetcafés arbeitet, was den freien Austausch zwischen Journalisten und Bürger ermöglicht. Das Projekt wir von der Inverstmentgruppe PPF finanziert. Details in der NYT.

9. Spendenfinanzierten Journalismus ermöglichen

SpotusWer bezahlt, sucht auch die Themen aus. Bei Spot.Us , einem Projekt des erst 27 Jahre alten Journalisten David Cohn in San Francisco, bestimmen die Nutzer mit ihren Spenden, für welche Themen und Recherchen sie bereit sind zu zahlen. Erst wenn eine Recherche finanziert ist, ziehen die Reporter los. Wenn klassische Medien die Geschichten anschließend kaufen, bekommen die Finanziers ihr Geld zurück. Cohns Projekt wird derzeit durch ein Stipendium der Knight Foundation finanziert. 23 Geschichten wurden in den ersten sechs Monaten finanziert. Cohn arbeitet eng mit der New Yorker Medienprofessor Jay Rosen und dessen NewAssignment.Net für kollaborativen Journalismus von Profis und Bürgern zusammen. Videointerview Cohn beim DW-Ausbildungblog lab.

10. Neue Technologien umarmen

Jede Tage werden neue Tools und Techniken erfunden, die den Journalismus 2.0 erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. Gerade deutsche Journalisten nutzen sie aber oft nur zögerlich und mit großer Zeitverzögerung.

Beispiele:

  • Online-Recherchen gemeinsam betreiben mit Wikis und netzbasierten Lesezeichen (delicio.us, MisterWong und Co.)
  • Mobile Reporting: Mit dem Handy Videos vor für Live-Berichte direkt auf die Website streamen
  • Video-Interviews mit einfachsten Mitteln in guter Webqualität (Flip-Kamera). Bild verkauft sogar gebrandete Flip-Kameras an seine Leserreporter – inklusive vorinstallierter Upload-Funktion zu Bild.de
  • Google Wave kann neue Maßstäbe beim kollaborativen Arbeiten an journalistischen Projekten setzen. Zum Beispiel könnenGooglewave mehrere Autoren gleichzeitig an Texten und Notizen schreiben. Die ersten Rezensionen habe ich meinen Linktipps zum Wochenstart verlinkt.

Linktipps zum Wochenstart (12)

Top-Tipp:

Googles neues Kommunikationstool Wave macht Schlagzeilen (und nicht nur, weil Google damit Microsofts neuer Suchmaschine Bing auf geniale Weise die Schau gestohlen hat). Mashable hat Wave schon recht ausgiebig getestet. Ohne Wave schon testen zu dürfen, sind auch Konrad Lischka bei Spiegel Online , Markus Spath bei netzwertig und Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer sehr angetan von der kollaborativen Software. Knüwers Prognose: ”Diese Art Software könnte die Arbeit von Journalisten grundlegend verändern.“ Wer anderthalb Stunden Zeit hat, sollte sich auch die Präsentation von Wave auf der Google-Konferenz I/0 ansehen (ca. ab Minute 6).

Weitere Tipps:

4ip: A lifeline for the UK’s creative digital businesses?

Mit stolzen 20 Millionen Pfund für die nächsten drei Jahre ist 4ip ausgestattet – die digitale Projektabteiligung des britischen Privatsenders Channel 4 – berichtet der Guardian. Eines der Ziele von 4ip: dafür sorgen, dass britische Websurfer genügend attraktiven Content auf britischen Webseiten finden. Momentan verbringen die Briten nämlich 80 Prozent ihrer Online-Zeit auf US-Seiten. 4ip unterstützt auch lokale Community-Websites. Details zu aktuellen Projekten hier im Guardian.

Getting Money from Readers Who Won’t Pay for Online News

Steve Outing nennt in Editor&Publisher ein gutes Argument gegen Paid Content von Verlagen im Web: In der Link-Ökonomie vermindert das Einmauern kostenpflichtiger Beiträge ihren Wert, da sie der öffentlichen Diskussion entzogen werden. Warum sollen Abonnenten für Beiträge bezahlen, die sie nicht mit anderen teilen können, fragt sich der Medienspezialist.

What Google Doesn’t Know (and never will)

Gary Goldhammer, Interaktiv-Experte der PR-Agentur Edelman in Los Angeles und Ex-Journalist, will beides: gute und gezielte Suchergebnisse im Netz plus Perlen des Journalismus, nach denen er aber niemals selbst gesucht hätte und die ihm Google deshalb auch nicht liefern kann.

Gegen die Kopier-Mentalität

Medienjournalist Daniel Bouhs berichtet in der Frankfurter Rundschau über eine Art Online-Razzia der Nachrichtenagentur AFP. Kommerzielle Websitebetreiber, die AFP-Meldungen ohne Lizenz verbreiten, erhalten in diesen Tagen kostenpflichtige Abmahnungen.

Erfolgsfaktoren von Buchhandlungen ins Internet übertragen

Verlagsberater Leander Wattig macht sich Gedanken darüber, wie Buchhändler die seiner Meinung nach wichtigsten Offline-Erfolgsfaktoren (Lage und Beratung) ins Internet übertragen können. (Erste Folge seiner neuen monatlichen Kolumne ”Leander Wattigs Buchnotizen“ bei Upload.)

On the Street and On Facebook: The Homeless Stay Wired

Eine sagenhafte Geschichte im Wall Street Journal über Obdachlose in New York und San Francisco, die notgedrungen auf vieles verzichten, nicht aber auf ihren Laptop sowie auf Ideen, um ins Netz zu kommen.

Cover Story: Finger Painting

Jorge Colombo, Grafiker der Zeitschrift The New Yorker, zeichnete das Cover der jüngsten Ausgabe per Zeigefinger und einer iPhone-Applikation. Die Handy-Software („Brushes“) hat in einem sehenswerten Video zugleich festgehalten, wie Colombo gezeichnet hat.

Wieviel ist die Leistung eines Journalisten wert?

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So etwas hat es früher nicht gegeben: Ex-Journalisten, die sich als damals überbezahlt outen. Freie Journalisten, die offene Briefe vom Neid auf die Festangestellten schreiben. Leitende Redakteure, die einem Medienblog einen anonym Brief zuspielen: Wie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt. Medienprofessoren, die Journalisten knallhart den kommerziellen Gegenwert ihrer Leistung vorrechnen. Doch solche Beiträge lese ich jetzt zumindest gefühlt immer häufiger.

Der Wind auf dem journalistischen Arbeitsmarkt weht immer rauer. Die gut bezahlten Redakteursposten, womöglich noch mit zusätzlichen Altersansprüchen aus dem Presseversorgungswerk, werden immer weniger.  Medienlese verlinkte heute in seiner Lesetipp-Kolumne  „6 vor 9“  einen Beitrag aus dem Schweizer Blog arlesheimreloaded mit dem provokativen Titel: ”Kürzt den Journalisten das Gehalt“ . Darin schreibt Manfred Messmer:

So ein Journalist ist gut bezahlt, fängt bei 70, 80’000 Franken an und kommt nach ein paar wenigen Jährchen im Dienst auf über 100’000 Franken und kann, wenn er etwas Job-hoppt gut und gerne 120, 130, 140’000 und mit Chefwürden ausgestattet auch etwas mehr heimtragen. Dazu kommen noch etliche Vergütungen, sogenannte Fringe Benefits, dazu Überzeit- und Abenddienst- und Wochenendkompensationen, sechs Wochen Ferien und so weiter und so fort.[…]Mit anderen Worten: Journalisten sind, wenn man die Sozialleistungen noch hinzuzählt, für einen Verlag sauteuer, weil gegenüber dem Durchschnitts-verdiener überdurchschnittlich entlöhnt. Ja man könnte sie ohne weiteres den Bankangestellten der UBS zur Seite stellen.

Messmer selbst war laut seiner Blogbio „stv. Chefredaktor einer Tageszeitung, Korrespondent in New York für Schweizer Tageszeitungen und Chefredaktor zweier Wochenzeitungen“, weiß also aus eigener Anschauung, ob Schweizer Journalisten diese Gehälter wert sind (100.000 Franken = circa 72.000 Euro). Nun ist er allerdings kein Journalist mehr, sondern macht mit seiner Firma messmerpartner Public Relations wahrscheinlich viel besser bezahlte PR. Man darf auch getrost annehmen, dass Messmer in seiner aktiven journalistischen Phase niemals öffentlich gesagt hat, er sei überbezahlt. Bemerkenswert ist seine freizügige Bemerkung dennoch, denn sie lässt sich ja rückwirkend auch auf ihn selbst beziehen.

Inspirieren ließ sich Messmer vom US-Medienökonomen Robert Picard, der zwei Tage vorher im Christian Science Monitor einen Beitrag mit dem provokativen Titel schrieb: Why journalists deserve low pay. Doch während Messmer kultiviert räsoniert, dass Journalisten ihre Leistung und deren kommerziellen Wert für die Verlage nicht gerne im Zusammenhang sehen, weil das ihre ”innere Unabhängigkeit“ gefährde, schreibt Picard ebenso radikal wie ehrlich:

Wages are compensation for value creation. And journalists simply aren’t creating much value these days.

Wir Journalisten neigen dazu, zu vergessen, dass viele Verlage sich zwar gerne in Sonntagsreden mit Qualitätsjournalismus aus unserer Feder schmücken. In den Bilanzen sind wir aber vor allem ein Kostenfaktor. Geld bringen Abos, Kioskverkäufe und Anzeigen, und wenn diese Erlöse um den Faktor x sinken, dann ist die gleiche journalistische Leistung kalkulatorisch auch um Faktor x gesunken, weil sie ja dementsprechend weniger Erlöse generiert hat.Der Maßstab, an dem sich Redakteure in Deutschland außerdem zunehmend messen lassen müssen, ist der Vergleich mit der Leistung freier Mitarbeiter.

Reihenweise testen Verlage gerade aus, mit wieviel festangestellte Redakteuren sie gerade noch über die Runden kommen, um das Blatt oder das Heft zuverlässig zu produzieren und eine gewisse redaktionelle Linie zu wahren. Schreiben aber können Freie für einen Bruchteil der Kosten, die ein Redakteur für die gleiche Leistung produziert.

In den USA sind die goldenen Zeiten für Zeitungsjournalisten, die in sehr gut besetzten Redaktionen mit teilweise über 100.000 Dollar im Jahr nach Hause gehen, wohl unwiderruflich vorbei. Wer einen Vertrag mit solchen Konditionen noch halten kann, muss schon unersetzlich für das Blatt sein. In Deutschland (wo Redakteure im Durchschnitt weniger verdienen als in den USA und in der Schweiz) gibt es Redakteurs-Tarifverträge, die Gehälter können nicht einfach nominell abgesenkt werden.

Doch auch hierzulande befindet sich der Wert journalistischer Leistung im freien Fall. Die Anpassung geschieht indirekt durch Tarifflucht, Outsourcing von Redaktionen, betriebsbedingte Entlassungen, Buy-outs mit großzügigen Abfindungen (momentan gerade aktuell beim Kölner DuMont-Verlag) und Arbeitsverdichtung.

Und wieviel die Arbeit freier Journalisten der Controllern wert ist, darüber brauchen wir nicht einmal zu reden. In vielen Verlagen sind die Honorare in den letzten Jahre höchstens nach unten verändert worden. Wenigstens brauchen Freie als Kostenfaktor kein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Auftraggebern zu haben. Egal, wieviele Anzeigenkunden oder Abonnenten in Zukunft noch abspringen mögen: Soviele, dass die Leistung eines freien Journalisten in der Kosten-Nutzen-Rechnung unter dem Strich als Pluspunkt steht, werden allemale übrigbleiben.

Linktipps zum Wochenstart (11)

Top-Tipp

Who exactly is killing the press

Was würde Hearst tun? Der innovative US-Medienmogul William Randolph Hearst, lebte er heute noch, hätte längst den Online-Kleinanzeigendienst Craigslist aufgekauft (oder selbst entwickelt), ein funktionierendes Micropayment-System für Online-Inhalte installiert und Heerscharen von lokalen Bloggern rekrutiert. Zu diesem Schluss kommt James Fallows von The Atlantic im regen Gedankenaustausch mit Kollegen, nachdem das Pew Center eine Studie zu dramatischen Einbrüchen der Anzeigenumsätze von Zeitungen veröffentlichte. Fallows‘ Beiträge zu diesem Thema in der Reihenfolge: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

Weitere Tipps:

A Latte with Journalism on the Side

Über ein tschechisches Projekt, hyperlokalen Journalismus mit Stadtteil-Cafés zu verbinden, finanziert von der Investmentfirma PPF Group, berichtet die New York Times. “The position of the journalist is not just to be observing and writing something on the newspaper or on the Web, but also to help people have the tools to do something in their community“, zitiert die NYT den Projektverantwortlichen. Deutschsprachige Zusammenfassung bei bigtrends.

How the newspaper industry threw away its lead in online search engines

Zeitungen sind selbst schuld, dass ihre originären Webinhalte von den Algorithmen der Suchmaschinen nicht gegenüber Duplikaten und Zusammenfassungen favorisiert werden, argumentiert Robert Niles im Online Journalism Review. Das  Verschieben von Beiträgen hinter Pay-walls zerstört Links.

Lens: new photo blog on NYTimes.com

Die New York Times hat ein weiteres hochwertiges Web-Projekt gestartet: das Fotoblog Lens. Auf der großformatigen Flash-basierten Plattform, die an das Projekt The Big Picture der NYT-Schwesterzeitung The Boston Globe erinnert, kommen Fotos besonders gut zur Geltung.

New York Times und Wall Street Journal suchen Wege aus der Gratisfalle

Mit iPhone-Applikationen und mobilen Lesegeräten versuchen das Wall Street Journal und die New York Times, die Lesern zum Bezahlen zu verlocken. Neue mobile Präsentationswege seien dafür der einzig erfolgversprechenden Weg, sagen Experten. Der Zug im Web sei abgefahren. Mehr im Handelsblatt.

Facebook und Twitter leiten Leser auf Nachrichtenseiten

Soziale Netzwerke werden – richtig eingesetzt – immer wichtiger für den Traffic auf Nachrichtenwebsites und können dazu beitragen, die Abhängigkeit von Google von verringern. Netzökonom Holger Schmidt von der FAZ analysiert die Hitwise-Daten für Großbritannien.

Scribd Store: Geld verdienen mit dem „YouTube für Texte“

”Mehr als fair“ findet das Upload Magazin die Konditionen des neuen Scribd Store für Autoren und Verlage:  „Man bestimmt den Verkaufspreis selbst und bekommt 80 Prozent der Einnahmen ab. Bei Amazon sehen die Verleger und Autoren dagegen gerade einmal 30 Prozent der Einnahmen wieder – teilweise soll es noch weniger sein.“

Bloomberg Forbids Mentioning Competitors, or Linking to Them

Mit seinen Regeln, was die Redakteure in sozialen Netzwerken alles NICHT tun dürfen, schießt der Nachrichtendienst Bloomberg weit über das Ziel hinaus und beweist damit vor allem, dass er den Paradigmenwechsel im Austausch mit den Nutzern nicht verstanden hat. Details bei Valleywag.

Linktipps zum Wochenstart (10)

Top-Tipp:

Ausgepresst?

Die Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert, Autoren des neuen Interviewbands „Wozu noch Zeitungen?“, analysieren für das SZ-Magazin acht Probleme des Printjournalismus (u.a. Papier und Finanzinvestoren) und benennen mögliche Lösungen (u.a. Stiftungen und genossenschaftliche Beteiligungen).

Weitere Tipps:

Tick, tick, tick

Jeff Jarvis hält die Überlegungen  der New York Times, Gebühren für die Nutzung ihrer Website mit einem Seitenaufrufzähler oder Wortzähler zu verknüpfen, nicht nur für kontraproduktiv, sondern für einen geradewegs verzweifelten Versuch, im Web Geld einzutreiben. Einzelheiten beim New York Observer.

Newspapers: There is No Magic Bullet

Es gibt keine Patentlösung („magic bullet“) für Bezahlmodelle im Web, argumentiert Mark Potts bei The Recovering Journalist. Für viel interessanter hält er folgende Felder, in welche die Massenmedien seiner Ansicht nach zu wenig Ressourcen investieren: Nachrichten-Aggregation (vor allem auf lokaler und sublokaler Ebene), Suchmaschinenoptimierung, Verbreiterung der Anzeigenkundenbasis, Distribution auf mobilen Endgeräten.

Zeitung 2.0 in der New York Times

Netzökonom Holger Schmidt hat auf seinem FAZ-Blog kurz und bündig die Zukunftsprojekte der New York Times zusammengefasst. Weiterführende Links am Textende.

Charity-Journalismus: Interview mit Spot.us-Gründer David Cohn

Steffen Leidel hat für das Ausbildungs-Blog lab der Deutsche Welle ein interessantes Interview mit David Cohn, dem Gründer der spendenfinanziertes Journalismus-Plattform Spot.Us in San Francisco geführt. In den sechs Monaten seit Start wurden 23 Geschichten finanziert. Die größte Spende in Höhe von 2500 Dollar gab es für einen Faktencheck zu politischen Werbeanzeigen.

Wolfram Alpha and other ways to enhance database journalism

Das Nieman Journalism Lab in Harvard untersucht, wie die neuartige Suchmaschine Wolfram Alpha (Start war 16.5.) den Datenbank zentrierten Journalismus (database journalism) befördern kann und plädiert dafür, die Nutzer in die Daten-Aggregation  und -Aufbereitung einzubinden. Die Zeit hat ein Interview mit dem Erfinder Stephen Wolfram geführt. Bei tvundso gibt es bereits eine Aufstellung kurioser und philosophischer Fragen, mitsamt den teilweise erstaunlichen Antworten, die Wolfram Alpha dabei ausspuckt.

interview2, Jakob Augstein, Der Freitag

Sechs lohnenswerte Minuten lang ist dieses Videointerview, das turi2.tv mit dem Freitag-Gründer Jakob Augstein geführt hat. Augstein hält die Web-Community des Freitag mit ihren derzeit rund 15.000 Mitgliedern für das lebendige Herz der Zeitung, auch wenn in Print das Geld verdient wird. Man brauche beides, betont der Verleger und rät seinen Branchenkollegen zu mehr Investitionen in Communities.

Grenzenlos erreichbar

Yourzz.fm ist eine Mitte Mai gestartete neue multimediale Jugendmarke der westfälischen Verlagsgruppe von Dirk Ippen. 14 Lokalausgaben von Zeitungen und zwei Lokalradios bündeln Informationen und stellen sie gemeinsam auf die Webplattform yourzz.fm. Zusätzlich gibt es Print- und Radioflächen für die neue Marke. Die Fachjournalistin Inge Seibel-Müller berichtet für Hörfunker.de und hat die Macher interviewt. Mit einem der Programmverantwortlichen, Andreas Heine, Chefredakteur des Iserlohner Lokalradios, haben auch Daniel Fiene und Herr Pähler von Was mit Medien gesprochen. Bei ihnen gibt es auch erste Höreindrücke von Yourzz.fm (beides in der Podcast Folge 175 ab Timecode 24:50).