Linktipps zum Wochenstart (12)

Top-Tipp:

Googles neues Kommunikationstool Wave macht Schlagzeilen (und nicht nur, weil Google damit Microsofts neuer Suchmaschine Bing auf geniale Weise die Schau gestohlen hat). Mashable hat Wave schon recht ausgiebig getestet. Ohne Wave schon testen zu dürfen, sind auch Konrad Lischka bei Spiegel Online , Markus Spath bei netzwertig und Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer sehr angetan von der kollaborativen Software. Knüwers Prognose: ”Diese Art Software könnte die Arbeit von Journalisten grundlegend verändern.“ Wer anderthalb Stunden Zeit hat, sollte sich auch die Präsentation von Wave auf der Google-Konferenz I/0 ansehen (ca. ab Minute 6).

Weitere Tipps:

4ip: A lifeline for the UK’s creative digital businesses?

Mit stolzen 20 Millionen Pfund für die nächsten drei Jahre ist 4ip ausgestattet – die digitale Projektabteiligung des britischen Privatsenders Channel 4 – berichtet der Guardian. Eines der Ziele von 4ip: dafür sorgen, dass britische Websurfer genügend attraktiven Content auf britischen Webseiten finden. Momentan verbringen die Briten nämlich 80 Prozent ihrer Online-Zeit auf US-Seiten. 4ip unterstützt auch lokale Community-Websites. Details zu aktuellen Projekten hier im Guardian.

Getting Money from Readers Who Won’t Pay for Online News

Steve Outing nennt in Editor&Publisher ein gutes Argument gegen Paid Content von Verlagen im Web: In der Link-Ökonomie vermindert das Einmauern kostenpflichtiger Beiträge ihren Wert, da sie der öffentlichen Diskussion entzogen werden. Warum sollen Abonnenten für Beiträge bezahlen, die sie nicht mit anderen teilen können, fragt sich der Medienspezialist.

What Google Doesn’t Know (and never will)

Gary Goldhammer, Interaktiv-Experte der PR-Agentur Edelman in Los Angeles und Ex-Journalist, will beides: gute und gezielte Suchergebnisse im Netz plus Perlen des Journalismus, nach denen er aber niemals selbst gesucht hätte und die ihm Google deshalb auch nicht liefern kann.

Gegen die Kopier-Mentalität

Medienjournalist Daniel Bouhs berichtet in der Frankfurter Rundschau über eine Art Online-Razzia der Nachrichtenagentur AFP. Kommerzielle Websitebetreiber, die AFP-Meldungen ohne Lizenz verbreiten, erhalten in diesen Tagen kostenpflichtige Abmahnungen.

Erfolgsfaktoren von Buchhandlungen ins Internet übertragen

Verlagsberater Leander Wattig macht sich Gedanken darüber, wie Buchhändler die seiner Meinung nach wichtigsten Offline-Erfolgsfaktoren (Lage und Beratung) ins Internet übertragen können. (Erste Folge seiner neuen monatlichen Kolumne ”Leander Wattigs Buchnotizen“ bei Upload.)

On the Street and On Facebook: The Homeless Stay Wired

Eine sagenhafte Geschichte im Wall Street Journal über Obdachlose in New York und San Francisco, die notgedrungen auf vieles verzichten, nicht aber auf ihren Laptop sowie auf Ideen, um ins Netz zu kommen.

Cover Story: Finger Painting

Jorge Colombo, Grafiker der Zeitschrift The New Yorker, zeichnete das Cover der jüngsten Ausgabe per Zeigefinger und einer iPhone-Applikation. Die Handy-Software („Brushes“) hat in einem sehenswerten Video zugleich festgehalten, wie Colombo gezeichnet hat.

Wieviel ist die Leistung eines Journalisten wert?

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So etwas hat es früher nicht gegeben: Ex-Journalisten, die sich als damals überbezahlt outen. Freie Journalisten, die offene Briefe vom Neid auf die Festangestellten schreiben. Leitende Redakteure, die einem Medienblog einen anonym Brief zuspielen: Wie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt. Medienprofessoren, die Journalisten knallhart den kommerziellen Gegenwert ihrer Leistung vorrechnen. Doch solche Beiträge lese ich jetzt zumindest gefühlt immer häufiger.

Der Wind auf dem journalistischen Arbeitsmarkt weht immer rauer. Die gut bezahlten Redakteursposten, womöglich noch mit zusätzlichen Altersansprüchen aus dem Presseversorgungswerk, werden immer weniger.  Medienlese verlinkte heute in seiner Lesetipp-Kolumne  „6 vor 9“  einen Beitrag aus dem Schweizer Blog arlesheimreloaded mit dem provokativen Titel: ”Kürzt den Journalisten das Gehalt“ . Darin schreibt Manfred Messmer:

So ein Journalist ist gut bezahlt, fängt bei 70, 80’000 Franken an und kommt nach ein paar wenigen Jährchen im Dienst auf über 100’000 Franken und kann, wenn er etwas Job-hoppt gut und gerne 120, 130, 140’000 und mit Chefwürden ausgestattet auch etwas mehr heimtragen. Dazu kommen noch etliche Vergütungen, sogenannte Fringe Benefits, dazu Überzeit- und Abenddienst- und Wochenendkompensationen, sechs Wochen Ferien und so weiter und so fort.[…]Mit anderen Worten: Journalisten sind, wenn man die Sozialleistungen noch hinzuzählt, für einen Verlag sauteuer, weil gegenüber dem Durchschnitts-verdiener überdurchschnittlich entlöhnt. Ja man könnte sie ohne weiteres den Bankangestellten der UBS zur Seite stellen.

Messmer selbst war laut seiner Blogbio „stv. Chefredaktor einer Tageszeitung, Korrespondent in New York für Schweizer Tageszeitungen und Chefredaktor zweier Wochenzeitungen“, weiß also aus eigener Anschauung, ob Schweizer Journalisten diese Gehälter wert sind (100.000 Franken = circa 72.000 Euro). Nun ist er allerdings kein Journalist mehr, sondern macht mit seiner Firma messmerpartner Public Relations wahrscheinlich viel besser bezahlte PR. Man darf auch getrost annehmen, dass Messmer in seiner aktiven journalistischen Phase niemals öffentlich gesagt hat, er sei überbezahlt. Bemerkenswert ist seine freizügige Bemerkung dennoch, denn sie lässt sich ja rückwirkend auch auf ihn selbst beziehen.

Inspirieren ließ sich Messmer vom US-Medienökonomen Robert Picard, der zwei Tage vorher im Christian Science Monitor einen Beitrag mit dem provokativen Titel schrieb: Why journalists deserve low pay. Doch während Messmer kultiviert räsoniert, dass Journalisten ihre Leistung und deren kommerziellen Wert für die Verlage nicht gerne im Zusammenhang sehen, weil das ihre ”innere Unabhängigkeit“ gefährde, schreibt Picard ebenso radikal wie ehrlich:

Wages are compensation for value creation. And journalists simply aren’t creating much value these days.

Wir Journalisten neigen dazu, zu vergessen, dass viele Verlage sich zwar gerne in Sonntagsreden mit Qualitätsjournalismus aus unserer Feder schmücken. In den Bilanzen sind wir aber vor allem ein Kostenfaktor. Geld bringen Abos, Kioskverkäufe und Anzeigen, und wenn diese Erlöse um den Faktor x sinken, dann ist die gleiche journalistische Leistung kalkulatorisch auch um Faktor x gesunken, weil sie ja dementsprechend weniger Erlöse generiert hat.Der Maßstab, an dem sich Redakteure in Deutschland außerdem zunehmend messen lassen müssen, ist der Vergleich mit der Leistung freier Mitarbeiter.

Reihenweise testen Verlage gerade aus, mit wieviel festangestellte Redakteuren sie gerade noch über die Runden kommen, um das Blatt oder das Heft zuverlässig zu produzieren und eine gewisse redaktionelle Linie zu wahren. Schreiben aber können Freie für einen Bruchteil der Kosten, die ein Redakteur für die gleiche Leistung produziert.

In den USA sind die goldenen Zeiten für Zeitungsjournalisten, die in sehr gut besetzten Redaktionen mit teilweise über 100.000 Dollar im Jahr nach Hause gehen, wohl unwiderruflich vorbei. Wer einen Vertrag mit solchen Konditionen noch halten kann, muss schon unersetzlich für das Blatt sein. In Deutschland (wo Redakteure im Durchschnitt weniger verdienen als in den USA und in der Schweiz) gibt es Redakteurs-Tarifverträge, die Gehälter können nicht einfach nominell abgesenkt werden.

Doch auch hierzulande befindet sich der Wert journalistischer Leistung im freien Fall. Die Anpassung geschieht indirekt durch Tarifflucht, Outsourcing von Redaktionen, betriebsbedingte Entlassungen, Buy-outs mit großzügigen Abfindungen (momentan gerade aktuell beim Kölner DuMont-Verlag) und Arbeitsverdichtung.

Und wieviel die Arbeit freier Journalisten der Controllern wert ist, darüber brauchen wir nicht einmal zu reden. In vielen Verlagen sind die Honorare in den letzten Jahre höchstens nach unten verändert worden. Wenigstens brauchen Freie als Kostenfaktor kein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Auftraggebern zu haben. Egal, wieviele Anzeigenkunden oder Abonnenten in Zukunft noch abspringen mögen: Soviele, dass die Leistung eines freien Journalisten in der Kosten-Nutzen-Rechnung unter dem Strich als Pluspunkt steht, werden allemale übrigbleiben.

Linktipps zum Wochenstart (11)

Top-Tipp

Who exactly is killing the press

Was würde Hearst tun? Der innovative US-Medienmogul William Randolph Hearst, lebte er heute noch, hätte längst den Online-Kleinanzeigendienst Craigslist aufgekauft (oder selbst entwickelt), ein funktionierendes Micropayment-System für Online-Inhalte installiert und Heerscharen von lokalen Bloggern rekrutiert. Zu diesem Schluss kommt James Fallows von The Atlantic im regen Gedankenaustausch mit Kollegen, nachdem das Pew Center eine Studie zu dramatischen Einbrüchen der Anzeigenumsätze von Zeitungen veröffentlichte. Fallows‘ Beiträge zu diesem Thema in der Reihenfolge: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

Weitere Tipps:

A Latte with Journalism on the Side

Über ein tschechisches Projekt, hyperlokalen Journalismus mit Stadtteil-Cafés zu verbinden, finanziert von der Investmentfirma PPF Group, berichtet die New York Times. “The position of the journalist is not just to be observing and writing something on the newspaper or on the Web, but also to help people have the tools to do something in their community“, zitiert die NYT den Projektverantwortlichen. Deutschsprachige Zusammenfassung bei bigtrends.

How the newspaper industry threw away its lead in online search engines

Zeitungen sind selbst schuld, dass ihre originären Webinhalte von den Algorithmen der Suchmaschinen nicht gegenüber Duplikaten und Zusammenfassungen favorisiert werden, argumentiert Robert Niles im Online Journalism Review. Das  Verschieben von Beiträgen hinter Pay-walls zerstört Links.

Lens: new photo blog on NYTimes.com

Die New York Times hat ein weiteres hochwertiges Web-Projekt gestartet: das Fotoblog Lens. Auf der großformatigen Flash-basierten Plattform, die an das Projekt The Big Picture der NYT-Schwesterzeitung The Boston Globe erinnert, kommen Fotos besonders gut zur Geltung.

New York Times und Wall Street Journal suchen Wege aus der Gratisfalle

Mit iPhone-Applikationen und mobilen Lesegeräten versuchen das Wall Street Journal und die New York Times, die Lesern zum Bezahlen zu verlocken. Neue mobile Präsentationswege seien dafür der einzig erfolgversprechenden Weg, sagen Experten. Der Zug im Web sei abgefahren. Mehr im Handelsblatt.

Facebook und Twitter leiten Leser auf Nachrichtenseiten

Soziale Netzwerke werden – richtig eingesetzt – immer wichtiger für den Traffic auf Nachrichtenwebsites und können dazu beitragen, die Abhängigkeit von Google von verringern. Netzökonom Holger Schmidt von der FAZ analysiert die Hitwise-Daten für Großbritannien.

Scribd Store: Geld verdienen mit dem „YouTube für Texte“

”Mehr als fair“ findet das Upload Magazin die Konditionen des neuen Scribd Store für Autoren und Verlage:  „Man bestimmt den Verkaufspreis selbst und bekommt 80 Prozent der Einnahmen ab. Bei Amazon sehen die Verleger und Autoren dagegen gerade einmal 30 Prozent der Einnahmen wieder – teilweise soll es noch weniger sein.“

Bloomberg Forbids Mentioning Competitors, or Linking to Them

Mit seinen Regeln, was die Redakteure in sozialen Netzwerken alles NICHT tun dürfen, schießt der Nachrichtendienst Bloomberg weit über das Ziel hinaus und beweist damit vor allem, dass er den Paradigmenwechsel im Austausch mit den Nutzern nicht verstanden hat. Details bei Valleywag.

Linktipps zum Wochenstart (10)

Top-Tipp:

Ausgepresst?

Die Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert, Autoren des neuen Interviewbands „Wozu noch Zeitungen?“, analysieren für das SZ-Magazin acht Probleme des Printjournalismus (u.a. Papier und Finanzinvestoren) und benennen mögliche Lösungen (u.a. Stiftungen und genossenschaftliche Beteiligungen).

Weitere Tipps:

Tick, tick, tick

Jeff Jarvis hält die Überlegungen  der New York Times, Gebühren für die Nutzung ihrer Website mit einem Seitenaufrufzähler oder Wortzähler zu verknüpfen, nicht nur für kontraproduktiv, sondern für einen geradewegs verzweifelten Versuch, im Web Geld einzutreiben. Einzelheiten beim New York Observer.

Newspapers: There is No Magic Bullet

Es gibt keine Patentlösung („magic bullet“) für Bezahlmodelle im Web, argumentiert Mark Potts bei The Recovering Journalist. Für viel interessanter hält er folgende Felder, in welche die Massenmedien seiner Ansicht nach zu wenig Ressourcen investieren: Nachrichten-Aggregation (vor allem auf lokaler und sublokaler Ebene), Suchmaschinenoptimierung, Verbreiterung der Anzeigenkundenbasis, Distribution auf mobilen Endgeräten.

Zeitung 2.0 in der New York Times

Netzökonom Holger Schmidt hat auf seinem FAZ-Blog kurz und bündig die Zukunftsprojekte der New York Times zusammengefasst. Weiterführende Links am Textende.

Charity-Journalismus: Interview mit Spot.us-Gründer David Cohn

Steffen Leidel hat für das Ausbildungs-Blog lab der Deutsche Welle ein interessantes Interview mit David Cohn, dem Gründer der spendenfinanziertes Journalismus-Plattform Spot.Us in San Francisco geführt. In den sechs Monaten seit Start wurden 23 Geschichten finanziert. Die größte Spende in Höhe von 2500 Dollar gab es für einen Faktencheck zu politischen Werbeanzeigen.

Wolfram Alpha and other ways to enhance database journalism

Das Nieman Journalism Lab in Harvard untersucht, wie die neuartige Suchmaschine Wolfram Alpha (Start war 16.5.) den Datenbank zentrierten Journalismus (database journalism) befördern kann und plädiert dafür, die Nutzer in die Daten-Aggregation  und -Aufbereitung einzubinden. Die Zeit hat ein Interview mit dem Erfinder Stephen Wolfram geführt. Bei tvundso gibt es bereits eine Aufstellung kurioser und philosophischer Fragen, mitsamt den teilweise erstaunlichen Antworten, die Wolfram Alpha dabei ausspuckt.

interview2, Jakob Augstein, Der Freitag

Sechs lohnenswerte Minuten lang ist dieses Videointerview, das turi2.tv mit dem Freitag-Gründer Jakob Augstein geführt hat. Augstein hält die Web-Community des Freitag mit ihren derzeit rund 15.000 Mitgliedern für das lebendige Herz der Zeitung, auch wenn in Print das Geld verdient wird. Man brauche beides, betont der Verleger und rät seinen Branchenkollegen zu mehr Investitionen in Communities.

Grenzenlos erreichbar

Yourzz.fm ist eine Mitte Mai gestartete neue multimediale Jugendmarke der westfälischen Verlagsgruppe von Dirk Ippen. 14 Lokalausgaben von Zeitungen und zwei Lokalradios bündeln Informationen und stellen sie gemeinsam auf die Webplattform yourzz.fm. Zusätzlich gibt es Print- und Radioflächen für die neue Marke. Die Fachjournalistin Inge Seibel-Müller berichtet für Hörfunker.de und hat die Macher interviewt. Mit einem der Programmverantwortlichen, Andreas Heine, Chefredakteur des Iserlohner Lokalradios, haben auch Daniel Fiene und Herr Pähler von Was mit Medien gesprochen. Bei ihnen gibt es auch erste Höreindrücke von Yourzz.fm (beides in der Podcast Folge 175 ab Timecode 24:50).

Neues Stimmungsbarometer twitterthema.de lässt Nutzer Trends bewerten

twitterthema

Mit den „trending topics“ bei Twitter ist es immer das Gleiche: Gegen die schiere Übermacht der englischsprachigen Twitterer haben deutschsprachige Trends fast nie eine Chance. Ausnahmen sind höchstens mal große webzweinullige Kongresse, über die extrem viel getwittert wird.

Jetzt haben drei deutsche Webgründer ein Tool programmiert, dass sich erstens ausschließlich mit deutschen Trendthemen befasst und zweitens redaktionell gefiltert wird. Auf  twitterthema.de können Twitter-User jeden Tag zu einem jeweils von der Redaktion ausgewählten aktuellen Thema ihre Meinung abgeben. Das Ganze natürlich via Twitter, indem der vorher definierte Hashtag, gefolgt von einem + oder – Zeichen in einen Tweet eingebaut wird. Twitterthema wertet die Reaktionen aus und stellt es wieder auf seiner Website dar. Also sozusagen ein Echtzeit-Stimmungsbarometer. Testfrage beim Start gestern abend war ”Wird Bayern München wieder Deutscher Meister?“, heute geht es um die Frage „Umfragewerte sinken – soll Angela Merkel Kanzlerin bleiben?“

Gegründet wurde twitterthema.de von der Mobile-Beraterin und Mobile Zeitgeist-Bloggerin Heike Scholz sowie den Software-Unternehmen MojosMobile und WIB Software.

Die  neue Plattform sehe ich als eine nützliche Ergänzung einerseits zu Mashups wie twitter-trends.de, getwitter oder trends_de , die deutsche Stichwörter nach Häufigkeit analysieren, aber nicht qualitativ auswerten, was Nutzer über die Themen denken. Und auch wiederum zu Tools wie twtpoll , auf denen zwar jeder Twitternutzer zu beliebigen Themen qualitative Umfragen starten kann, die aber häufig mangels Beteiligung nur wenig repräsentativ sind.

In der Grotte verharren hilft dem Journalismus nicht weiter – Antwort auf Miriam Meckel

Wer “In der Grotte der Erinnerung” sitzt, läuft Gefahr, darin zu verharren, anstatt sich mit offenen Augen der Zukunft zuzuwenden. Diesen Fehler begeht Medienprofessorin Miriam Meckel in ihrem Essay in der FAZ. Meckel schreibt:

Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft. […] Das Internet hat dem professionellen Qualitätsjournalismus einen bunten Strauß an publizistischen Aktivitäten an die Seite gestellt, bei dem Amateure zu Autoren werden, die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren.

Mal abgesehen davon, ob “die” Gesellschaft nicht eher durch Fußballübertragungen, ”DSDS” und keineswegs gut recherchierte und erzählte Geschichten in der ”Bild” synchronisiert wird –  wer sagt denn, dass es dem Journalismus zwangläufig schlecht bekommen muss, wenn sich im Netz Profis die publizistische Bühne mit Amateuren teilen? Wenn nun hinterfragt wird, ob Qualitätsjournalismus nicht zum Beispiel auch kollaborativ im Zusammenspiel mit Nutzern entstehen kann? Besteht nicht momentan vielmehr eine Chance, aus erstarrten Medienstrukturen auszubrechen, die keineswegs nur den neuerdings so oft beschworenen Qualitätsjournalismus hervorbringen, sondern auch viel zu viel Mittelmaß und Gleichförmigkeit?

In Miriam Meckels Überlegungen gibt es nur ein Entweder – Oder. Entweder Journalismus finanziert sich auch weiterhin über Medienunternehmen als Mittler, die Werbeplätze und Abos verkaufen, Journalisten bezahlen und damit indirekt Journalismus finanzieren oder der Qualitätsjournalismus verschwindet.

In Ariana Huffingtons Modell eines stiftungsfinanzierten Journalismus sieht Meckel keine Lösung, denn dann würden nur Themenbereiche abgedeckt  für die sich auch Stifter fänden. Andere Modelle erwähnt die Medienprofessorin (bewusst?) gar nicht erst. Damit lässt sie eine ganze Reihe interessanter Experimente, relevanten Journalismus im Netz zu finanzieren, unter den Tisch fallen. Diese Ansätze entstehen aber gerade vor allem in der anglo-amerikanischen Medienlandschaft, die am meisten unter Druck steht, und sie verdienen Beachtung. Eine kleine Auswahl:

  • Der Journalist David Cohn hat in San Francisco die Plattform Spot.Us gegründet. Auch hier werden Spenden gesammelt, aber nicht über eine Stiftung. Bürger können Themen und Recherchen, die ihnen wichtig sind (und die z.B. der oft bräsige San Francisco Chronicle nicht abdeckt), vorfinanzieren. Die Geschichten werden auf der Plattform veröffentlicht. Wenn klassische Medien die Berichte übernehmen, zahlen sie dafür Honorare und die Spender/ Investoren bekommen ihr Geld zurück. Die Anfänge sind vielversprechend. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Modell möglichst bald als tragfähig erweist, denn San Francisco könnte schon bald die erste amerikanische Großstadt ohne eigene Tageszeitung sein.
  • Chicago Now, ein neues Projekt der Chicago Tribune, das im Sommer starten soll, versucht, Journalismus in einer weniger statischen und geschlossenen Form anzubieten. Statt fertige Texte und Videos  ins Netz zu stellen, dienen Themen als Rohstoff, an deren Weiterentwicklung die Community gemeinsam arbeitet.
  • Ein ähnliches Modell betreibt der Schweizer Journalist Jürg Vollmer seit kurzem mit seiner für fünf Jahre von Investoren aus dem Bildungssektor finanzierten Osteuropa-Plattform CEEkom, deren Kern ein ”Social Media Newsroom” ist. Journalisten, Bürger und Experten können an dieser Plattform mitarbeiten. Mehr dazu in meinem Interview mit Vollmer.
  • Die New York Times und der britische Guardian experimentieren mit offenen Schnittstellen. Kerngedanke: Journalismus muss sich davon verabschieden, nur auf geschlossenen Plattformen stattzufinden. Webnutzer sollen interessante Inhalte überall dort mit hinnehmen, einbinden und diskutieren können, wo sie sich bevorzugt aufhalten, z.B. bei Facebook.

Diese unterschiedlichen Ansätze haben eines gemeinsam: Sie stellen die Interessen und Netzgewohnheiten der Nutzer in den Mittelpunkt und ermöglichen, dass etwas radikal Neues entsteht. Dabei wird zugelassen, dass die gängige Auffassung von Journalismus (die Redaktion entscheidet, worüber berichtet wird, der Leser konsumiert die gefilterte Nachrichten- und Themenlage) auf den Kopf gestellt wird. Nutzer entscheiden nun, worüber berichtet, was überhaupt finanziert werden soll. Ihre Expertise, ihr Engagement wird viel ernster genommen und bewirkt viel mehr, als ein Kommentar unter einem fertigen Artikel, den der betreffende Autor im Zweifelsfall nicht einmal liest.

Auch in einem weiteren Punkt greift Frau Meckels Essay viel zu kurz:

Ein Großteil der Inhalte, die in Weblogs und auf Social Networking Sites präsentiert und diskutiert werden, stammen aus der Recherche und Publikation der traditionellen Medien. Ohne deren Angebote wären viele Weblogs inhaltlich eine wüste Ödnis. […] Wie in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der sich alle nur noch gegenseitig die Haare schneiden, bereiten wir am Computer die Informationen der anderen aus dem Netz neu auf, gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen.

Wird nicht eher umgekehrt wird ein Schuh daraus? Ein immer größerer Anteil von Journalismus hat seinen Ursprung in Blogs von Experten und engagierten Bürgern, bevor klassische Medien mit teilweise erheblicher Verzögerung und inhaltlicher Vereinfachung Themen aus dem Netz aufgreifen – zuletzt gut zu beobachten am Beispiel der Netzsperren von Ursula von der Leyen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema abseits von Politikerverlautbarungen findet vor allem im Web statt. Nur wenige Medien, darunter Die Zeit, haben inzwischen mit eigenen guten Texten nachgezogen.

Und nicht zuletzt begeht Miriam Meckel einen weiteren Denkfehler, wenn sie einen Graben zieht zwischen  klassischen Journalisten und neuen Netzpublizisten. Das Internet eröffnet Chancen vor allem für freie Journalisten, ohne Umweg über Verlage und Medienkonzerne als Auftraggeber direkt zu publizieren und ihren Markenwert als Autoren, Referenten, Moderatoren oder Berater zu steigern.

Profi-Journalisten werden nicht plötzlich zu Amateuren, wenn sie ohne einen Auftraggeber im Rücken im Netz publizieren. Ebensowenig wie vor allem die Lokalseiten von Regionalzeitungen mit professionellem Journalismus gefüllt sind, wenn sie von pensionierten Lehrern uind Vereinsprotokollführen vollgeschrieben werden. Und auch unter den nicht-journalistischen Blogs finden sich publizistische Perlen, die wir nie entdeckt hätten, wenn sie nicht im Netz plötzlich eine Stimme bekommen hätten.

All das unterschlägt Frau Meckel völlig. Verlagslobbyisten werden ihren Essay mit Genugtuung lesen, denn er liefert ihnen Futter für ihre Argumentationslinie, sie bräuchten eine Kulturflatrate, Leistungsschutzabgabe oder eine Mehrwertsteuerbefreiung, um auch künftig Qualitätsjournalismus finanzieren zu können. Was sie damit meinen: Um Kompensation für wegbrechende Einnahmen zu haben. Für die spannende und gerade erst beginnende Debatte, ob es für Qualitätsjournalismus im Netz die Mittelsmänner der Medienkonzerne überhaupt noch braucht und wenn ja, in welcher Form und in welchem Ausmaß – dafür liefert Meckels Beitrag keine Anstöße. Dafür empfehle ich diese beiden lesenswerten Texte von Ottfried Jarren bei Carta und Andreas Göldi bei netzwertig.

Linktipps zum Wochenstart (9)

Top-Tipp:

Wozu Zeitung? – Das Netz diskutiert

Mit dieser Aktion hat das SZ-Magazin eine Diskussion über die Zukunft der Zeitung in Gang gebracht. Die Texte des Online-Dossiers können und sollen von anderen Webseiten übernommen werden, wovon sowohl Blogs als auch klassische Nachrichten-Webportale bemerkenswert viel Gebrauch machen. Die Beiträge sind allerdings von unterschiedlicher Qualität, was auch im Netz thematisiert wird. Vorzüglich ist „G wie Google“ (wieder mal ein Interview mit Jeff Jarvis). Die Qualität anderer Texte kritisieren unter anderem Stefan Niggemeier und Klaus Meier. Im Beitrag „M wie Moot“ wird der Gründer der Web-Plattform 4chan.org interviewt – angeblich wurde ”Moot“ von den Lesern des Time Magazin „zu einer der bedeutendsten Personen der Welt gekürt“. Allerdings wurde die Website manipuliert. Mehr dazu bei Carolin Neumann.

Weitere Tipps:

Looking to Big-Screen E-Readers to Help Save the Daily Press

Die New York Times sieht im großformatigen E-Reader Kindle DX Chancen, zahlende Abonnenten zum Umstieg von Print auf das elektronische Medium zu bewegen und mittelfristig Druck- und Vertriebskosten zu sparen. CNET, PC World und All Things Digital sind skeptisch. Deutschsprachige Zusammenfassung der Diskussion bei newsroom.

„Es mischen sich jetzt Online- und reale Welt“

Thomas Knüwer vom Handelsblatt hat ein Interview geführt mit Franziska Heine, Inititiatorin der erfolgreichen Online-Petition gegen das Vorhaben von Ursula von der Leyen, Netzsperren gegen Kinderpornografie zu errichten. Das Interview unterscheidet sich von Berichten einiger anderer Medien über die Petition, weil der Interviewer Ahnung vom Thema hat. Zuvor hat auch Sascha Lobo Heine interviewt.

Die Diskussion mitgestalten

Peter Sennhauser kritisiert in diesem lesenswerten Beitrag bei medienlese, dass sich die klassischen Medien aus der Debatte über den Paradigmenwechsel von reinen Medien-Konsumenten zu Rezipienten und Produzenten weitgehend heraushalten, sobald ihr eigenes Selbstverständnis berührt ist. Nachdruck aus dem neuen Schweizer Medienmagazin Edito.

Die Zukunft des Journalismus

Arianna Huffington sprach Anfang Mai vor dem US-Senat über den Medienwandel. Lab, ein Gemeinschaftsblog von Redakteuren der Deutsche Welle verlinkt und kommentiert ein Video und die Abschrift der Rede der Huffington Post-Chefin.

Chicago Now

Ein neues Online-Projekt der Chicago Tribune, das im Sommer 2009 starten soll. Chicago Now soll eine Mischung aus Huffington Post und Facebook werden – mit Nachrichtenaggregation auf einer Social Media Plattform. Der Link führt zum Eigenwerbe-Video. Bericht bei Meedia.

Execs reveal why newspapers don’t block Google

Viele Verlage beschweren sich über das Gebaren von Google, das mit Verlinken von fremden Inhalten eine Menge Geld verdient – 60 Millionen Dollar pro Jahr allein mit Werbung auf Suchergebnisseiten, die zu Forbes.com führen. Doch auch Forbes zieht nicht die naheliegende Konsequenz und verzichtet auf die Links von Google. CNET erklärt die Gründe.

“Overwhelmed and underinformed”? – 7 Thesen zur neuen Mediennutzung

Marketingberater Alex Wunschel hat seinen Blick über den Tellerrand diesmal dem Wandel des Mediennutzungsverhaltens gewidmet und lesenswerte Antworten von Nutzern zusammengestellt. Wunschel leitete einen der experimentellen Diskussionsräume des  „Public Future Lab“ beim Medientreffpunkt Leipzig.


Jeff Jarvis: US-Medienlandschaft als Frühwarnsystem

Früher hatten Bergleute unter Tage immer einen Käfig mit einem Kanarienvogel dabei – fiel der empfindliche Vogel von der Stange, waren giftige Gase im Stollen und die Bergleute konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Mit einem solchen Frühwarnsystem vergleicht Jeff Jarvis, New Yorker Medienprofessor, Topblogger und Autor („What would Google do?“) das US-Zeitungssterben in diesem interessanten Interview mit dem freien Journalisten und Café Digital-Herausgeber Dirk Kirchberg auf der next09.

Jarvis stellt drei typische Reaktionen auf den digitalen Medienwandel fest, die ihm immer wieder begegnen:

  • negieren (sinnlos)
  • jammern (unproduktiv)
  • den Wandel bejahen und darin Chancen für Innovation und neue Geschäftsmodelle entdecken (die einzig sinnvolle Reaktion).

”Anstatt sich zu beklagen, dass im Internet verlässliche Informationen so schwer zu finden sind, kann eine die Chance für Zeitungen darin liegen, sie auffindbar zu machen“, sagt Jarvis. Er selbst umarme geradezu den Wandel, das Internet habe ihm sozusagen zu einer zweiten Jugend verholfen.

Für 15 Minuten mit Jeff Jarvis und Dirk Kirchberg ins Video klicken.

via Café Digital

Von Stars und Helden auf der next09

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Jeff Jarvis (Star) im Gespräch mit Martin Oetting (Held) auf der next09 Foto: next09

Wer gilt als Star auf einem großen Kongress? Das ist meistens schon klar, sobald das Programm erscheint. Die großen Vordenker ihrer Zunft bekommen den größten Saal, die attraktivsten Zeiten, sie schmücken die Vorankündigungen und ihre Vorträge heißen ”Keynotes“. Doch die Stars der internationalen Webszene hielten beim Hamburger Webkongress next09  – zumindest in ihren Keynotes – nicht das, was ich mir von ihnen versprochen hatte.

Journalistik-Professor, Blogger und Buchautor Jeff Jarvis zog zwar eine mitreißende Show ab und zog das Publikum mit seiner Energie und seinem Wortwitz in seinen Bann. Seine Thesen finde ich ohnehin sehr logisch und überzeugend. Inhaltlich hatte ich allerdings mehr erwartet als ein hundertprozentige Wiedergabe von Auszügen aus seinem neuen Buch ”What would Google do?“ Die letzten Kapitel daraus hatte ich just in der Bahnfahrt nach Hamburg noch zu Ende gelesen und deshalb kannte ich auch die scheinbar spontanen Anekdoten schon. Die stammen nämlich auch aus dem Buch. Ein großes Highlight war Jarvis für mich dennoch. Erstens, weil er im Interview mit mir die Thesen aus seinem Buch vertieft hat. Und zweitens wegen der gelungenen Diskussion am zweiten Tag mit Umair Haque vom Havas Media Lab. Mehr zu Jarvis demnächst im mediummagazin (Print) und auf diesem Blog.

Umair Haque war allerdings mit seiner Keynote auch so ein Fall. Seine Thesen über die strukturelle Krise traditioneller Marktmodelle und den Mangel an Innovation und Kooperation mit Nutzern sind an sich so profund und radikal, dass daraus ebenfalls ein guter Vortrag hätte werden können. Wurde es aber nicht. Stattdessen klaffte eine gewaltige Schere zwischen Haques völlig überfrachteten webzwonulligen Mindmapping-Folien (Prezi), in denen er viel zu schnell herumklickte, und einer eher gleichförmig dahinplätschernden Rede.

Andrew Keen, der große Skeptiker des Social Web, weiß wiederum, wie man eine eindringliche Rede hält. Rein rhetorisch. Doch er ist ein düsterer Mahner. In innovativen  Formen von Kommunikation und Geschäftsmodellen im Web sieht er bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal das Schlechteste. Bei Jarvis verlässt man den Saal und sieht neue Chancen, bei Keen wird man schon während seines Vortrags depressiv.

Kommen wir nun zu den Helden des Kongresses. Das waren für mich eindeutig Viral Marketing-Berater Martin Oetting von trnd, Sven Markschläger, Digital Marketing Chef bei Jägermeister und Moderator Sascha Lobo im völlig überfüllten Track3-Raum beim Panel „Viral online gegen viral offline“. Angestachelt von Lobo, möglichst knapp und dabei möglichst kontrovers, ungerecht und vereinfachend zu sein, zerlegte Oetting  in wenigen Minuten das typische Marketinggefasel dieser Zeit („Wir müssen jetzt mal was Virales machen“).

Oetting warnt Marketer davor, den Webuser nur als Klickvieh zu betrachten, der lustige YouTube-Clips anklicken und verbreiten soll. Das tun die Nutzer zwar mitunter wie gewünscht, erinnern sich aber oft nicht daran, für was in den Filmchen eigentlich geworben wurde. Oettings Tipp für Marketer: Nutzer im Social Web nicht beschallen, sondern ihnen zuhören. Denn im Netz finden Gespräche statt, so wie offline im Tante-Emma-Laden. ”Viral heißt, den Tante-Emma-Effekt skalieren“, sagt Oetting. Und: „Wer sich heutzutage in der knallharten Wettbewerbsituation traut, mit einem richtig schlechten Produkt in den Markt zu gehen und glaubt, Werbung könnte das Problem lösen, dem ist nicht zu helfen.“

kein-jagermeister
Markschläger ist der strategische Kopf hinter der ”Kein Jägermeister“-Kampagne, die bis vor einem Jahr als eine der besten viralen Kampagnen in Deutschland lief. Allein bei YouTube wurden die sieben Clips der Kampagne mehr als 300.000 Mal abgerufen. Der eigentliche Erfolg bemisst sich allerdings nicht in Klicks, sondern daran, dass Fans hinterher Jägermeister beschworen, das fiktive Produkt nun auch tatsächlich anzubieten. Doch da musste Jägermeister passen, erzählte der Marketingmann. Als Familienunternehmen mit einer Monomarke bringt man nicht mal eben ein Witz-Produkt in den Markt, von dem man nicht weiß, wieviele Viral-Fans das gewollt auf langweilig getrimmte Zeug dann auch tatsächlich kaufen. Wie das alles rüberkam, war kurzweilig und überzeugend und alles andere als eine Marketing-Insider-Diskussion.

Zum Schluss noch ein Dank an die Veranstalter: Es hat Spaß gemacht, war interessant, hochprofessionell organisiert und ganz überwiegend kreisten die Diskussionen nicht selbstreferentiell um die Social-Web-Blase. Ein kurzes Fazit habe ich auch im Thomas Knüwers kleiner Abschluss-Umfrage gezogen. Das Video ist eingebettetet in sein Fazit auf seinem Blog (dem ich vollkommen zustimme). Wenn das jetzt öfters geschieht mit den spontanen Videoumfragen, muss ich mal ein Kameratraining mitmachen 🙂

5 Fragen zur Medienzukunft: Fienes Future Lab wirft mir ein Stöckchen zu

lab

Im Rahmen des Medientreffpunkt Mitteldeutschland betreut der Radiojournalist und Podcaster Daniel Fiene  im Rahmen ein interessantes Experiment zur Medienzukunft namens  Public Future Lab den Kommunikationsraum „Blogosphäre und Twitter“. Jetzt hat er mir im Vorfeld des Kongresses ein sogenanntes Stöckchen zugeworfen und dabei fünf Fragen gestellt. Dann will ich das Stöckchen mal apportieren 😉

1.) Wie kommunizieren Menschen in Zukunft?

Kommunikation wird immer und überall offline (das nennt man auch weiterhin persönliches Gespräch) oder online über das Internet möglich sein. Die Geräte für den mobilen Internetempfang werden immer kleiner. Künftig muss man sie nicht mehr jedesmal mühselig aus der Hosentasche oder dem Rucksack holen, sondern man trägt das Internet in einer Art Armbanduhr am Handgelenk immer mit sich. Man muss sich auch nicht mehr einwählen, sondern ist in einem riesigen offenen WLAN-Netz immer online. Na ja, jedenfalls in den Städten.

2.) Wo und wie sollen mir Klassische Medien im Netz begegnen?

Am besten überall dort, wo ich sie brauche, also nicht hinter geschlossenen Portalen, sondern zum Beispiel als Widgets mit RSS-Feeds zu auswählbaren Themengebieten, die ich auf meinem Blog oder meinem Facebook-Profil einbinden kann. Wenn meine Nutzer die Meldungen interessant finden und mehr lesen wollen, dann werden sie darauf klicken und landen auf dem Portal des jeweiligen Mediums. Davon profitiert dann wiederum das klassische Medium – vor allem wenn Tausende von Blogs und Nutzerprofilen diese Widgets einbinden. Die New York Times und der Guardian probieren das bereits aus.

Umgekehrt wünsche ich mir von klassischen Medien, dass sie meine Expertise auf dem Gebiet ”digitale Medienzukunft“ und ”Zukunft des Journalismus“ erkennen und zum Beispiel meinen Blogfeed als Widget einbinden, wenn es thematisch passt. Das setzt aber ein grundsätzliches Umdenken bei den klassischen Medien im Netz voraus und liegt ziemlich nahe an dem, was Jeff Jarvis propagiert. Nämlich a) What would Google do? und b) Do what you can do best, and link to the rest.

In diesem Sinne verlinke ich an dieser Stelle zur Wirtschaftswoche, die neulich einen sehr lesenswerten Ausschnitt aus der frisch erschienenen deutschen Ausgabe von Jarvis‘ Buch ”What would Google do“ vorabgedruckt hat. Was ich von Medien im Netz künftig NICHT erwarte, habe ich ja hier schon mal gebloggt: „Das Klickvieh-Gehege“.

3.) Wer gewinnt mein Vertrauen?

Nobody is perfect: Klassische Medien gewinnen mein Vertrauen, wenn sie offen zu Fehlern stehen und diese korrigieren und zwar transparent auf bllotypischeWeise blogtypische Weise oder – besser noch – ihre Webtexte in Versionen wie bei Wikipedia anlegen. Das heißt nicht, dass jeder Nutzer daran herumdoktern darf, aber man kann als Leser nachvollziehen, warum wer was geändert hat. Manche Medien könnten mein Vertrauen aber nur dadurch gewinnen, dass sie sich abschaffen, allen voran „Bild“.

Blogger und Podcaster sind ein anderer Fall: Jeder nach seiner Fasson. Ich lese aber am liebsten Blogs, die entweder sehr originell sind – mein Lieblingsblog in dieser Kategorie ist das leider viel zu selten aktualisierte bullshit science – oder nach journalistischen Kriterien gestaltete Blogs und Podcasts. Also solche Blogger und Podcaster, die korrekt recherchieren, zitieren, verlinken, und die gut und lesbar schreiben können.

4.) Welche Chancen hat Qualitätsjournalismus im Netz?

Hoffentlich gute – ich habe nämlich keine Lust, meinen Traumberuf zu wechseln. Aber ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren hunderte von kreativen Experimenten sehen, aus denen sich dann hoffentlich auch einige gute Geschäftsmodelle herauskristallisieren werden. Auch hierzu ein Lektüre-Tipp als Link: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus. Das ist auch der Topp-Tipp in meinen heutigen Medienlinks zum Wochenstart.

5.) Wann brauche ich verlässliche Information?

Das ist eine seltsame Frage. Die Antwort lautet: natürlich immer. Egal, ob ich einen Bericht in der Zeitung lese, eine Adresse bei Google Maps nachschaue, einen Artikel bei eBay ersteigere, oder einen Blick auf den Busfahrplan werfe. Oder warst Du schon mal in einer Situation, in der Du gerne eine unzuverlässige Information bekommen hättest….