Archiv der Kategorie: Journalismus

Jeff Jarvis: US-Medienlandschaft als Frühwarnsystem

Früher hatten Bergleute unter Tage immer einen Käfig mit einem Kanarienvogel dabei – fiel der empfindliche Vogel von der Stange, waren giftige Gase im Stollen und die Bergleute konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Mit einem solchen Frühwarnsystem vergleicht Jeff Jarvis, New Yorker Medienprofessor, Topblogger und Autor („What would Google do?“) das US-Zeitungssterben in diesem interessanten Interview mit dem freien Journalisten und Café Digital-Herausgeber Dirk Kirchberg auf der next09.

Jarvis stellt drei typische Reaktionen auf den digitalen Medienwandel fest, die ihm immer wieder begegnen:

  • negieren (sinnlos)
  • jammern (unproduktiv)
  • den Wandel bejahen und darin Chancen für Innovation und neue Geschäftsmodelle entdecken (die einzig sinnvolle Reaktion).

”Anstatt sich zu beklagen, dass im Internet verlässliche Informationen so schwer zu finden sind, kann eine die Chance für Zeitungen darin liegen, sie auffindbar zu machen“, sagt Jarvis. Er selbst umarme geradezu den Wandel, das Internet habe ihm sozusagen zu einer zweiten Jugend verholfen.

Für 15 Minuten mit Jeff Jarvis und Dirk Kirchberg ins Video klicken.

via Café Digital

5 Fragen zur Medienzukunft: Fienes Future Lab wirft mir ein Stöckchen zu

lab

Im Rahmen des Medientreffpunkt Mitteldeutschland betreut der Radiojournalist und Podcaster Daniel Fiene  im Rahmen ein interessantes Experiment zur Medienzukunft namens  Public Future Lab den Kommunikationsraum „Blogosphäre und Twitter“. Jetzt hat er mir im Vorfeld des Kongresses ein sogenanntes Stöckchen zugeworfen und dabei fünf Fragen gestellt. Dann will ich das Stöckchen mal apportieren 😉

1.) Wie kommunizieren Menschen in Zukunft?

Kommunikation wird immer und überall offline (das nennt man auch weiterhin persönliches Gespräch) oder online über das Internet möglich sein. Die Geräte für den mobilen Internetempfang werden immer kleiner. Künftig muss man sie nicht mehr jedesmal mühselig aus der Hosentasche oder dem Rucksack holen, sondern man trägt das Internet in einer Art Armbanduhr am Handgelenk immer mit sich. Man muss sich auch nicht mehr einwählen, sondern ist in einem riesigen offenen WLAN-Netz immer online. Na ja, jedenfalls in den Städten.

2.) Wo und wie sollen mir Klassische Medien im Netz begegnen?

Am besten überall dort, wo ich sie brauche, also nicht hinter geschlossenen Portalen, sondern zum Beispiel als Widgets mit RSS-Feeds zu auswählbaren Themengebieten, die ich auf meinem Blog oder meinem Facebook-Profil einbinden kann. Wenn meine Nutzer die Meldungen interessant finden und mehr lesen wollen, dann werden sie darauf klicken und landen auf dem Portal des jeweiligen Mediums. Davon profitiert dann wiederum das klassische Medium – vor allem wenn Tausende von Blogs und Nutzerprofilen diese Widgets einbinden. Die New York Times und der Guardian probieren das bereits aus.

Umgekehrt wünsche ich mir von klassischen Medien, dass sie meine Expertise auf dem Gebiet ”digitale Medienzukunft“ und ”Zukunft des Journalismus“ erkennen und zum Beispiel meinen Blogfeed als Widget einbinden, wenn es thematisch passt. Das setzt aber ein grundsätzliches Umdenken bei den klassischen Medien im Netz voraus und liegt ziemlich nahe an dem, was Jeff Jarvis propagiert. Nämlich a) What would Google do? und b) Do what you can do best, and link to the rest.

In diesem Sinne verlinke ich an dieser Stelle zur Wirtschaftswoche, die neulich einen sehr lesenswerten Ausschnitt aus der frisch erschienenen deutschen Ausgabe von Jarvis‘ Buch ”What would Google do“ vorabgedruckt hat. Was ich von Medien im Netz künftig NICHT erwarte, habe ich ja hier schon mal gebloggt: „Das Klickvieh-Gehege“.

3.) Wer gewinnt mein Vertrauen?

Nobody is perfect: Klassische Medien gewinnen mein Vertrauen, wenn sie offen zu Fehlern stehen und diese korrigieren und zwar transparent auf bllotypischeWeise blogtypische Weise oder – besser noch – ihre Webtexte in Versionen wie bei Wikipedia anlegen. Das heißt nicht, dass jeder Nutzer daran herumdoktern darf, aber man kann als Leser nachvollziehen, warum wer was geändert hat. Manche Medien könnten mein Vertrauen aber nur dadurch gewinnen, dass sie sich abschaffen, allen voran „Bild“.

Blogger und Podcaster sind ein anderer Fall: Jeder nach seiner Fasson. Ich lese aber am liebsten Blogs, die entweder sehr originell sind – mein Lieblingsblog in dieser Kategorie ist das leider viel zu selten aktualisierte bullshit science – oder nach journalistischen Kriterien gestaltete Blogs und Podcasts. Also solche Blogger und Podcaster, die korrekt recherchieren, zitieren, verlinken, und die gut und lesbar schreiben können.

4.) Welche Chancen hat Qualitätsjournalismus im Netz?

Hoffentlich gute – ich habe nämlich keine Lust, meinen Traumberuf zu wechseln. Aber ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren hunderte von kreativen Experimenten sehen, aus denen sich dann hoffentlich auch einige gute Geschäftsmodelle herauskristallisieren werden. Auch hierzu ein Lektüre-Tipp als Link: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus. Das ist auch der Topp-Tipp in meinen heutigen Medienlinks zum Wochenstart.

5.) Wann brauche ich verlässliche Information?

Das ist eine seltsame Frage. Die Antwort lautet: natürlich immer. Egal, ob ich einen Bericht in der Zeitung lese, eine Adresse bei Google Maps nachschaue, einen Artikel bei eBay ersteigere, oder einen Blick auf den Busfahrplan werfe. Oder warst Du schon mal in einer Situation, in der Du gerne eine unzuverlässige Information bekommen hättest….

CEEkom – ein neues Portal mit Social Media Newsroom für Osteuropa-Themen

newsroom

Seit heute steht CEEkom, das neue schweizer Portal für Russland- und Osteuropa-Themen in einer Beta-Version online. Kernstück von CEEkom ist der erste schweizer Social Media Newsroom. Über CEEkom, die Merkmale und die Vorteile eines Social Media Newsrooms und die Chancen, die sich aus diesem Projekt für klassische Medien ergeben, habe ich mit dem Initiator und Betreiber Jürg Vollmer gesprochen. Er ist Journalist, Social Media- und Osteuropa-Experte und betreibt auch das Blog Krusenstern.

Was ist ein Social Media Newsroom?vollmer_juerg_podcaster_1

Jürg Vollmer: Als Erklärung benutze ich immer das Bild vom iPhone. Ein Social Media Newsroom ist im Prinzip nichts andres als ein iPhone im Internet, das Social Media Anwendungen wie YouTube, Flickr, Twitter etc. auf einer Seite übersichtlich zusammenfasst und  Verbindungen schafft.

Sie haben den ersten schweizer Social Media Newsroom als ein Referenzprojekt für ihr neues Osteuropa-Portal CEEkom entwickelt. Was bedeutet CEEcom?

Central and Eastern Europe Communications  und gleichzeitig auch Center of Eastern European Studies Communications.

Warum bietet sich gerade für dieses Projekt ein Social Media Newsroom an?

Aus zwei Gründen: Erstens, weil CEEkom ganz neu ist. Und zweitens, weil die deutschsprachigen Medien sehr wenig über Russland und Osteuropa berichten. Anstatt diesen Zustand nur zu beklagen, wollte ich etwas dagegen tun. Die einen haben das Geld, die anderen haben die Verbindungen nach Russland. Wir bringen beides zusammen.

Was sind die Social Media Merkmale von CEEkom?

Der Social Media Newsroom ist der kollaborative Teil des Portals CEEcom, mit eigenen Hintergrund-Dossiers, Pressemitteilungen und Medienreaktionen, die wir verlinken. Im Newsroom haben wir jetzt zum Start ein erstes kleines Dossier zum Thema Boris Pasternak ins Netz gestellt. Anlass ist ein neues Buch in Russland, das zu einem Skandal führte, weil es enthüllt, was 1958 alles passierte rund um Pasternak und den Literaturnobelpreis. Journalisten, Slavisten und interessierte Nutzer können an diesem Dossier mitschreiben.

Wie groß ist die Redaktion?

Die Redaktion besteht momentan nur aus mir. Später wird noch ein weiterer Kollege aus der französischsprachigen Schweiz dazukommen, damit wir auch für die Westschweiz und Frankreich ein Angebot haben.

Nennen Sie bitte ein konkretes Beispiel dafür, wie bei CEEkom kollaborativ journalistisch gearbeitet wird.

Wir werden zum Beispiel einen Journalisten engagieren, der – von uns voll bezahlt – nach Novosibirsk reist und dort für ein oder zwei Monate zum Thema Wirtschaft recherchiert. In der Redaktion wird dann aus den Recherchematerialien ein multimediales Dossier mit Texten, Fotos, Videos, Podcasts und Powerpoint-Präsentationen zusammengestellt. Das Ganze wird dann unter einer Creative Commons auf unsere Plattform gestellt. Die Medien, ob ein Lokalsender in Köln oder eine Zeitung in Lausanne, können sämtliche Materialien kostenlos übernehmen. Wir werden nicht unterscheiden zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Das wäre dann ein kostenfreies Agenturmodell. Was ist das Kollaborative daran?

Die Ergebnisse und auch schon die Recherchen sind multimedial mit Flickr, Twitter, Facebook, LinkedIn und so weiter vernetzt.

Wie sieht das konkret aus?

Nehmen wir das Beispiel Novosibirsk. Unser Korrespondent wird laufend über unseren Twitter-Account CEEkom berichten, dass er Interviews führt mit dem Gouverneur, dem Unternehmer einer großen Holzfabrik, mit dem regionalen Repräsenanten der transsibrischen Eisenbahn und so weiter.

Können sich Twitter-Follower oder Facebook-Friends einschalten und Anregungen geben?

Ja. Sie können Tipps geben für Interviewfragen, oder für Quellen, wo man vielleicht noch bessere Informationen bekommt. Das ist nämlich immer ein kleines Problem in Osteuropa. Wir werden auch Live-Chats mit wichtigen Gesprächspartner ermöglichen, in die sich jeder Interessent einschalten kann. Mitte Mai wird es voraussichtlich den ersten Livechat mit dem Gouverneur in Novosibirsk geben.

Wer finanziert das Projekt?

Die Träger des gemeinnützigen Vereins CEEkom sind neben privaten schweizerischen Mäzenen die Esperia-Stiftung in Zürich, das künftige Osteuropa-Center einer schweizerischen Universität sowie eine nationale Fachbehörde für universitäre Bildung und Forschung. Die Namen dieser Organisationen können wir aber erst Mitte Mai offiziell verkünden. Das sind alles schweizer Bürger und Organisiationen. Auf osteuropäische Organisationen haben wir bewusst verzichtet, um Einflussnahmen zu unterbinden und weil sonst jeder sofort sagt, dass wir von einer Regierung bezahlt würden oder die fünfte Kolonne Moskaus seien.

Wie hoch ist das Budget?

Wir haben jeweils 550.000 Schweizer Franken, also rund 360.000 Euro, für zunächst fünf Jahre zur Verfügung.

Wer ist die Zielgruppe der Plattform – nur Journalisten?

Nein, unsere Zielgruppen sind einerseits Journalisten von Mainstream-Medien – und zwar ausdrücklich nicht nur aus der Schweiz – aber zum Beispiel auch Blogger, die sich dem Thema Osteuropa widmen. Von denen gibt es aber leider nicht allzu viele. Aber  auch Journalistik- oder Slavistik-Stundenten, Historiker, und sämtliche Nutzer, die sich mit Osteuropa-Themen befassen und eine Diskussionmöglichkeit und eine Möglichkeit der Vernetzung suchen. Die Vernetzung ist ein ganz wichtiger Punkt.  In einem nächsten Schritt werden wir auch Osteuropa-Organisationen in Deutschland einbinden, schon jetzt stehen wir mit einigen in Verhandlung.

Funktioniert der Social Media Newsroom auch für andere Themengebiete?

Ja, das funktioniert in ganz verschiedenen Bereichen, in den USA gibt es schon seit zwei, drei Jahren Social Media Newsrooms. Entwickelt wurde das Modell von Todd Defren von der PR-Agentur Shift Communications . In den USA gibt es Social Media Newsrooms vom Amerikanischen Roten Kreuz , Ford oder General Motors Europe . In  Deutschland gibt es beispielsweise die Plattform Wasserbotschafter des Mineralwassers Volvic.

Was sind die US-Erfahrungen mit Social Media Newsrooms und was lässt sich übertragen?

Die Unternehmen und die Nutzer in den USA ticken anders als in Europa. Der Newsroom von GM Europe, zum Beispiel, der von den Amerikanern aufgebaut wurde, ist sehr farbig und enthält wahnsinnig viele Informationen. Ich glaube, dass das in Europa so nicht funktioniert. Das muss hier eher nüchtern und gezielt sein, mit intuitiv zu verstehenden Funktionen, nicht so überladen und ohne Flash-Animationen. So simpel halt wie ein iPhone.

Kann und soll auch Citizen Journalism eingebunden werden?

Das ist möglich. Wir haben die Plattform auf der Basis von WordPress MU aufgebaut, das ist die Netzwerkversion. Wir könnten theoretisch hunderte von kleinen Blogs integrieren. Das dürfte bei diesem Thema aber schwierig sein, weil Osteuropa-Themen ein Riesengebiet ist und wir als Redaktion ja auch die Übersicht behalten müssen.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihrem Ansatz und den Social Media Bestrebungen klassischer Medien – zum Beispiel dem Ansatz der New York Times und des Guardian, über offene Schnittstellen an möglichst vielen Stellen im Internet eingebunden werden zu können?

Gemeinsam ist: Die Zeitungsprojekte und CEEkom nehmen die Nutzer ernst und binden sie ein. Die Nutzer können unser Dossier Novosibirsk mit ihrem Sachverstand verbessern. Wenn zum Beispiel ein Slavistik-Professor wie Ulrich Schmid an der Universität Sankt Gallen mit seinem Wissen daran mitschreibt, dann wird ein solches Dossier hundertprozentig besser, als wenn daran ausschließlich ein Journalist schreibt. Der Unterschied ist, dass für die klassischen Medien das Internet ein zusätzlicher Kanal ist, für uns aber der einzige.

Der aber als Konkurrenz aufgefasst werden könnte…

CEEkom wird ganz klar keine Konkurrenz zu bestehenden Medien sein, sondern ein Komplementärmedium, eine Ressource – auch für die Journalisten. Sie werden nicht ausschließlich auf die Berichte der Agentur-Korrespondenten angewiesen sein, sondern können zusätzliche Informationen und Gespräche direkt mit Fachleuten bekommen. In Nowosibirsk hat meines Wissen auch die dpa keinen Korrespondenten.

Wie sind bislang die Reaktionen der Medien?

Mainstream-Medien sind nicht auf mich zugekommen. Im Vorfeld habe ich aber Gespräche mit Auslandsredaktionen von schweizer Regionalzeitungen geführt. Die Reaktion war sinngemäß überall so: Am Anfang werden wir skeptisch sein, weil das ja plumpe PR aus Moskau sein könnte. Wenn wir aber Vertrauen in die unabhängige Berichterstattung gefasst haben, dann werden wir die Angebote gerne nutzen, weil wir uns damit profilieren können.

Weiterführende Links:

Jürg Vollmers Referat über Social Media Newsrooms beim Blogcamp Switzerland 4 (Krusenstern)

Bastian Scherbeck (Achtung! Kommunikation) im Interview mit Klaus Eck über Social Media Newsrooms (PR Blogger)

Olaf Kolbrück über die PR-Plattform der nächsten Generation: Social Media Newsroom (off-the-record)

Auch der Guardian stellt seinen Content für fremde Webseiten bereit (Medial&Digital)

Gelungener Twitter-Selbstversuch bei jetzt.de

„Twitter-Selbstversuche“ – als solche ausdrücklich benannt und beschrieben – gab es im letzten halben Jahr eine ganze Reihe. Meistens bestanden diese ”Experimente“ aus nicht viel mehr, als dass jemand mal zwei, drei Tage lang anderen beim Twittern zugesehen hat und dann über seine Ratlosigkeit angesichts des Durcheinanders an Belanglosigkeiten schrieb.

Doch nun hat es Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von jetzt.de der Süddeutschen Zeitung,  geschafft, sich selbst und zugleich auch seinen twitternden und nicht-twitternden Lesern  den Microblogging-Dienst wirklich nahe zu bringen. Das liegt vor allem daran, dass von Gehlen sich Zeit lässt, Twitter selbst auszuprobieren, anstatt nur von außen zuzuschauen. An dieser Erkenntnis lässt er uns teilhaben:

Doch der tiefere Sinn des Verfolgens erschließt sich erst, wenn man selber followt. Dann erst wird aus der vielstimmigen Twitter-Masse ein tatsächlich melodisches Zwitschern, dessen Klang man selber bestimmen, weil auswählen kann […] Um das zu verstehen, muss man sich aber bei Twitter registrieren und anderen Nutzern folgen. Twitter funktioniert wie ein Telefon. Wer sich dem lediglich über die Startseite (also die Gesamtheit aller Gespräche) nähert, wird die unverständlichen Gesprächsfetzen zahlreicher Telefonate bemerken – und diese natürlich für belanglos halten.

Genau das ist das Grundprinzip von Twitter – und meines Erachtens auch der Grund dafür, warum sich so viele Journalisten so schwer damit tun, Twitter zu verstehen: Es widerstrebt Ihnen, die typische journalistische Beobachterperspektive aufzugeben und sich auf Protagonistenebene zu begeben. Ohne dieses Mitten-hinein-begeben geht es aber nicht. Über ein gescheiterten „Twitter-Selbstversuch“ habe ich vor einiger Zeit gebloggt: So wird das nichts mit Twitter, Sächsische Zeitung. Bezeichnenderweise hat sich seitdem auf dem Account von @valeriahei auch fast nichts mehr getan..

In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenswert: Do’s and Don’ts für twitternde Redaktionen – Interview mit Nicole Simon

Das Hauen und Stechen hat begonnen: Jeff Jarvis wehrt sich gegen Vorwürfe eines Magazinverlegers

Ein interessanter Beitrag erschien vor zwei Tagen auf „Buzzmachine“, dem Blog von Jeff Jarvis. Er war einfach nur überschrieben mit ”Enough“. Darin verwahrt sich der New Yorker Journalismus-Professor, Blogger, Vortragsreisende und New Media Berater gegen Anschuldigungen von Randy Siegel, President des Magazingruppe ”Parade“ und Mitbegründer der Online-Plattform newspaper project.org. Der Vorwurf: Jarvis bemühe sich nur deshalb so eifrig darum, gedruckte Zeitungen für tot zu erklären, weil er als Berater des Content-Aggregators ”Daylife“ ein unmittelbares Interesse daran habe, dass es Print schlechtgehe und die Verlage Beratungsbedarf auf neuen Online-Geschäftsfeldern entwickeln:

I’ve met Jarvis and found him engaging, but it’s disappointing how often he is quoted by other journalists as a “newspaper-industry analyst” or “media critic” without any mention of his bias or his consulting work for new-media companies, including Daylife, a popular aggregator of other people’s proprietary journalism for websites that can’t afford to pay for their own content. While Jarvis’ business success is clearly a result of his hard work and entrepreneurial zeal, his crusade against newspapers needs to be looked at in the proper context: The more newspaper companies struggle, the better Jarvis does on a number of levels.

Jarvis verwahrt sich gegen die Anschuldigungen in den Kommentaren:

You mischaracterize me to a defamatory extent: I am not trying to kill papers, Randall. I teach journalism. I am running the New Business Models for News Project at CUNY to try to find and spread sustainable models for news. Just because I dare to criticize incumbent owners does not mean I want to kill papers.

Auf seinem eigenen Blog weist Jarvis außerdem darauf hin, dass vielmehr Siegel ein unmittelbares Interesse daran hat, dass es statt Onlinemodelle auch künftig möglichst viele gedruckte Zeitungen gibt mit möglichst hoher Auflage. Denn ohne das Papierzeitungen entfiele auch das Trägermedium für seine kostenfreies Supplement ”Parade“, das rund 400 Titeln beiliegt. Angesichts des dramatischen Auflagenverlusts und der bereits eingestellten und von Einstellung bedrohten Zeitungen ist das traditionelle Geschäftsmodell der Beilagen in Gefahr.

Soweit es hierzulande noch allerdings (noch?) nicht gekommen: Kostenfreie Beilagenmagazine wie ”Prisma“ und ”rtv“ leiden im Unterschied zu den USA bislang noch kaum unter Auflagenrückgängen . So hatte ”Prisma“ im ersten Quartal 2007 eine verbreitete Auflage von 4,47 Millionen Exemplaren, im vierten Quartal 2008 waren es mit 4,28 Millionen nicht wesentlich weniger.

Man mag den Streit zwischen Siegel und Jarvis als eine private Fehde zwischen einem Old Media und einem New Media Vertreter ansehen. Für mich ist sie aber eher ein Vorbote der Verteilungskämpfe, die wir auf einem schrumpfenden Zeitungsmarkt noch erleben werden.

re:publica 09: Dauerschleife der Bloglandschaft

repild-2

„Morgendämmerung der Bloglandschaft“ überschrieb Sascha Lobo neulich einen Beitrag, der von Aufbruchstimmung in der deutschen Blogosphäre handelte. Heute mittag, beim Eröffnungspodium des Webkongresses re:publica 09 in Berlin, war davon nicht viel zu spüren. Die ersten Ansätze einer politischen Blogszene mit Beispielen wie Carta oder Sprengsatz und was diese Initialzündung in einem Wahljahr bedeutet? Haben Blogger angesichts fehlender Geschäftsmodelle etablierter Medien die Chance, die neuen Meinungsführer im Web zu werden? Das wären interessante Fragen für die Auftaktdiskussion des Leitkongresses der deutschen Blogszene gewesen. Doch fünf Alpha-Blogger – Stefan Niggemeier,  Markus Beckedahl, Robert Basic, Sascha Pallenberg und Thomas Knüwer (zugleich auch Moderator) – bissen sich viel zu schnell an den inzwischen schon langweilenden Fragen fest, ob Twittern das Bloggen ablöst, ob Blogger wie Journalisten sind oder sein sollten und ob ein Presseausweis sowie gewerkschaftliche Unterstützung dabei helfen könnten. Zur Ehrenrettung der Diskutanten: Die uninspirierendsten Fragen kamen aus dem Publikum. Aber man hätte ihnen ja nicht das Feld überlassen müssen.

Immerhin streiften Niggemeier und Beckedahl einige intereressante Punkte: „Es gibt in Deutschland viel zu wenig eigenen Content“ findet Niggemeier. Er wundert sich darüber, wieviele Blogger sich lieber an der Herstellung von Redundanz beteiligen, indem ihre Beiträge immer häufiger nur aus einem Link zu einem fremdem Beitrag oder einem eingebetteten Video bestehen, garniert mit ein paar dürren eigenen Sätzen. Was nicht gesagt wurde, aber wahrscheinlich ist: Der schnelle Link ohne viel Substanz ist wohl ein von Twitter inspiriertes Verhalten. Doch was beim Microblogging erzwungene Kürze und Nutzwert zugleich ist, verflacht zugleich große Teile der Bloglandschaft.

Mehr „Geschichtenerzähler“ und „Blogger mit Haltung“ wünscht sich Niggemeier. Darin ist er sich mit Beckedahl einig. Dem ist es aber nicht egal, ob Blogger geschliffen über private Themen parlieren oder sich für gesellschaftliche Anliegen einsetzen. Wenn einem Tech-Blogger eine Missstand auffalle, sei es in puncto Pressefreiheit oder in puncto Datenschutz, „dann soll er doch darüber mal etwas schreiben, statt über die neueste Application für das iPhone.“

Mit dem Datenschutz hat auch Stefan Niggemeier seit neuestem zu tun, und zwar auf höchst skurrile Art. Musste er sich vor einem Jahr vor dem Hamburger Landgericht in einem denkwürdigen Vergleich gegen den Call-TV-Produzenten Callactive noch verpflichten, dass er Kommentatoren zu keiner Tages- und Nachtzeit Gelegenheit geben werde, sich unter dem Deckmantel der Anonymität schmähend zu äußern, so sei jetzt die Berliner Behörde auf ihn zugetreten, schildert der Blogger: Er müsse Kommentatoren die Gelegenheit geben, sich anonym zu äußern, ohne über ihre IP–Adressen identifiziert werden zu können –  aus datenschutzrechtlichen Gründen.

Niggemeier brachte den absurd rechtsfreien Raum, in dem sich Blogger hierzulande bewegen, gut auf den Punkt: „Wir brauchen keine Rechtschutzversicherung, sndern erst mal klare Gesetze. Was sind die Voraussetzungen dafür, dass man mich abmahnen kann?“ Und Beckedahl ergänzte: „Wir brauchen keinen Bloggerverband, sondern Blogger, die sich für die Belange der Blogger einsetzen. Wir haben ja schließlich unsere Blogs als Sprachrohr.“

Das waren die interessantesten Aspekte der Diskussion. Schade, dass sie nicht vertieft wurden.

Das Klickvieh-Gehege – Was Verlage von der Blogosphäre lernen können

”Wie Google News Redaktionen ausbeutet“ schreibt Christian Stöcker heute bei Spiegel Online – und outet sich damit als Netzweltredakteur mit uraltem Verlagsportaldenken. Stöcker beklagt im Kern zwei Dinge: Erstens: Google bezahlt einige Nachrichtenagenturen neuerdings dafür, ihre Meldungen ganz abzudrucken, anstatt nur darauf zu verlinken. Zweitens: Google aggregiert und verlinkt weiterhin die Schlagzeilen und die ersten Textzeilen von Zeitungsnachrichten, ohne dafür zu bezahlen, obwohl dahinter nur ein Computer-Algoritmus steckt und keine schöpferische Leistung erbracht wird:

Die Verlage gehen leer aus – obwohl Google News ohne die Arbeit von Zeitungs- und Online-Redaktionen unmöglich wäre.

Richtig. Aber warum gehen sie leer aus? Weil sie sich bis auf wenige Ausnahmen konsequent allen Mechanismen verweigern, die im Social Web zu gutem Karma und letztlich zum  Erfolg führen. Die Leser sollen gefälligst auf die geschlossenen Verlagsportale kommen und wenn sie dort sind, werden sie wie Klickvieh behandelt und eingepfercht, damit sie für die Anzeigenkunden genügend Page Impressions generieren.

Auch dieser Einwand von Stöcker zeugt von altem Denken:

[…] Die Gewichtung und Reihung der bei Google News angezeigten Nachrichten wird durch einen Algorithmus erledigt, der auf der Auswertung großer Nachrichtenseiten basiert. Was bei vielen ganz oben steht, was bei den Wichtigen oben steht, muss wohl wichtig sein, und landet deshalb auch bei Google News am Seitenanfang. Was, das nur nebenbei, auch dazu führt, dass das wirklich Exklusive, das wirklich Originelle bei Google News kaum eine Chance hat.

Seltsam: Erstens haben es Verlage selbst in der Hand, ihren exklusiven Content statt generischer Agenturmeldungen auf ihren Portalen ”oben“ zu platzieren. Außerdem ist es in der Blogosphäre genau umgekehrt. Gerade Blogs mit exklusivem Content werden von anderen Blogs am meisten verlinkt und deshalb auch bei Google, Technorati, Rivva und Co. prominent gelistet. Warum sollte das bei Verlagsbeiträgen anders sein, wenn  nur genügend Links auf die Seiten führen. Doch dazu müssten sie erst einmal selbst verlinken und geben, statt nur zu nehmen.

Wenn eine typische Zeitungs-Website ein Blog wär, dann sähe dieses Blog so aus:

  • Über dem Blog-Header und am rechten Rand befinden sich mehrere blinkende Flash-Anzeigen, die nerven und sogar miteinander um die Aufmerksamkeit des Lesers konkurrieren.
  • Bevor ein Nutzer einen Blogpost lesen kann, muss er erst einmal ein Pop-Up-Banner mit einer Anzeige oder dem Aufruf zu einer Meinungsumfrage wegklicken.
  • Kommentare sind erwünscht, aber nicht direkt unter den Blogposts. Dafür gibt es eigene Gehege, wo die kommentierenden Blogleser unter sich bleiben.
  • Es kann sein, dass der Blogger im Kommentar-Gehege mal persönlich vorbeischaut, aber sicher ist das nicht. Er gibt sich nicht zu erkennen und antwortet niemals, selbst dann nicht, wenn über 100 Kommentare und direkte Fragen eingegangen sind. Dass da zwischendurch mal jemand gewesen ist, merkt man höchstens nachträglich an administrativen Eingriffen: ”Dieser Kommentar wurde gelöscht.“
  • Kommentatoren dürfen zwar die Diskussion bereichern und zur Blog-Popularität beitragen, aber sie dürfen vom Traffic-Anstieg nicht ebenfalls profitieren. Deshalb können sie sich nur mit Namen oder Pseudoynm eintragen, aber nicht mit einem Link zu ihrer eigenen Website.
  • Ebenso wie in den Blogposts möglichst auf externe Links verzichtet wird, darf es auch in den Kommentaren keine Hinterausgänge aus dem Klickvieh-Gehege geben. Deshalb darf nicht auf externe Seiten verlinkt werden.
  • Es gibt keine Blogroll. Wo kämen wir denn hin, wenn wir auf unserer Blog-Startseite auf Konkurrenzangebote verlinken?

Ein solches Blog wäre kein Blog, sondern ein schwarzes Loch im Web. Und doch gestalten die meisten Zeitungen mit nur minimalen Innovationen in den letzten zehn Jahren ihre Webseiten immer noch nach genau diesen Prinzipien Dabei könnten gerade Verlags-Websites, wenn sie es wollten, mit ihrem riesigen redaktionellen Know-How und Input die Alpha-Blogger entthronen und die wahren Leitwölfe im Social Web sein. Statt hilflose Hüter der Klickviehherde.


Linktipps zum Wochenstart

Ab jetzt gibt es hier eine neue Rubrik Linktipps zum Wochenstart. Darin werde ich jeweils auf Beiträge verlinken, die ich für über den Tag hinaus lesenswert und zukunftsweisend halte.

Topp-Tipp:

Das neue Verständnis von “gut informiert” sein: Lesen, was Freunde lesen

Matthias Schwenk schildert in seiner glänzenden Analyse bei Carta, wie radikal sich das Mediennutzungsverhalten mit den verschiedenen Generationen ändert. Verlage müssen den Spagat bewältigen, drei völlig verschiedene Zielgruppen zu bedienen: 1. Die Älteren, die ihre Informationen am liebsten auf bedrucktem Papier lesen, 2. die mittlere Generation, die zwar das Internet nutzt, aber nicht das Social Web und 3. die Millenials, die auf Nachrichten vor allem durch Empfehlungen aus ihren persönlichen Netzwerken stoßen. Viel Zustimmung und auch gute kritische Einwände in den Kommentaren.

Weitere Tipps:

Old Growth Media And The Future Of News

Tech-Autor Steven Johnson hat auf dem Interactive Web Kongress SXSW in Austin/Texas einen Vortrag darüber gehalten, dass Medien sich an die Stärken ihrer Vergangenheit erinnern müssen, um ihre Stärken in der Zukunft zu erkennen.

Newspapers and Thinking the Unthinkable

Sehr lang, aber absolut lesenswert: Medienvordenker Clay Shirky mit grundsätzlichen Überlegungen, warum das Bedürfnis nach gutem Journalismus nicht an Zeitungen gekoppelt ist.

Bad News for Newspapers

Die New York Times hat das US-Zeitungssterben in einer Landkarte mit vielen Hintergrundinfos graphisch dargestellt. Den dazugehörigen Beitrag gibt es hier.

Facebook setzt auf Echtzeit

Martin Weigert von netzwertig fragt sich, ob der neue Echtzeit-Feed von Facebook zu Lasten von Twitter gehen wird oder ob im Gegenteil viele der 200 Millionen Facebook-Nutzer dadurch erst recht auf den Geschmack von Echtzeit-Microblogging bei Twitter kommen werden.

Twitter-Erfahrung: ein kurzer Rückblick auf zwei Jahre

PR-Blogger Klaus Eck – einer der deutschen Twitter-Pioniere – beschreibt, wie sich seine Mediennutzung und berufliche Kommununikation durch Twitter verändert hat. Er abonniert kaum noch E-Mail-Newsletter und RSS-Feeds, weil ihn sein Netzwerk zuverlässig über Interessantes und Neues informiert.

Alles muss raus: Glaubwürdigkeits-Ausverkauf bei Pro Sieben

Peer Schader kritisiert im Fernsehblog der FAZ die abstruse Strategie von ProSieben, Nachrichtensprecher Michael Marx in einer Fake-News-Sondersendung für die Promotion der neuen Science-Fiction-Serie ”Fringe“ einzusetzen.

Lehrveranstaltung beim OVG Koblenz

Hans-Peter Kraus vom Igel-Blog war live dabei, als das OVG Koblenz ein Urteil der Vorinstanz aufhob: Es geht darum, ob ein selbstständiger Unternehmer für seinen PC Rundfunkgebühren zahlen muss. Ein anschaulicher Einblick, worüber Juristen eigentlich während einer solchen Verhandlung tatsächlich diskutieren.

Kübelweise Klischees im ARD-Brennpunkt über Winnenden

Und last, but not least, ein einziger Link auch zu Winnenden. Viel, sogar sehr viel Richtiges , wurde zum Amoklauf und die Rolle der Medien geschrieben. Aber am treffendsten fand ich dieses Blogposting von Robin Meyer-Lucht bei Carta.

Auch der Guardian stellt seinen Content für fremde Webseiten bereit

Das Modell der New York Times macht Schule: Jetzt hat auch der britische Guardian mit Ankündigung von heute seine Schnittstelle geöffnet und ermöglicht damit fremden Websites, Content und Dienste des Guardian per Applikation zu integrieren:

The Guardian launched what it is calling its ‚Open Platform‘ a set of content APIs and a collection of datasets.

Matt McAlister, head of the Guardian Developer Network, said that the ‚Open Platform‘ was a suite a data and services to allow people to build applications with Guardian content.

The APIs will feature ‚full fat‘ feeds with full articles and other content including video, audio and photo galleries, some one million pieces of content published on guardian.co.uk from 1999-2008.

Über das Open Interface Projekt der New York Times und darüber, warum eine solche Strategie für Verlage zukunftsweisender ist, als über den ”Content Klau“ von News Aggregatoren zu jammern, empfehle ich mein Posting von gestern.

Was Verlage von Google lernen können

Um das vermeintlich Parasitäre an News-Aggregatoren wie Google News, Webnews oder Huffington Post zu verdeutlichen, bemühen Verlage gerne eine Analogie aus der analogen Medienwelt: Demnach käme kein Mensch auf die Idee, Stapel von Zeitungen zu kaufen, die Artikel daraus zu fotokopieren, die Seiten zusammenzutackern, Werbeanzeigen darauf zu kleben, sich flächendeckend an belebte öffentliche Plätze zu stellen und die Kopien an Passanten zu verschenken. Nein, natürlich nicht. Das Geschäftsmodell wäre entweder illegal oder – bei Einhaltung der Urheberrechte – nicht zu finanzieren. Und deshalb stimmt die Analogie auch nicht.

Korrekt wäre vielmehr folgender Vergleich: Google News und Co. stellen sich an belebte Innenstadtplätze in aller Welt und verteilen Fragebögen. Darauf kann jeder Interessent ankreuzen, was ihn interessiert: Nur Sport- und Wirtschaftsnachrichten, nur Texte auf Deutsch oder nur Artikel, in denen bestimmte Begriffe vorkommen. Daraufhin besorgt sich der Newsaggegator in Sekundenschnelle Tausende von verfügbaren Zeitungen, klebt ebenso schnell zu den Suchbegriffen passende Werbung auf die Seiten, tackert die ganzen Unikate zusammen und schenkt sie den jeweiligen Interessenten. Doch wenn der Nutzer sein personalisiertes Exemplar aufschlägt, dann findet er keine ganzen Artikel, sondern jedesmal nach nach wenigen Zeilen den folgenden Hinweis: Wenn Sie diesen Beitrag in der vollständigen Fassung lesen wollen, dann kaufen Sie die Zeitung XY. Was natürlich  kaum jemand täte.

Im Internet ist Google dieser Kiosk. Er führt Tausende von Zeitungen und Magazine im Sortiment und beschert diesen Titeln zusätzlichen Traffic. Doch dafür bezieht er Prügel, weil er für diesen Dienst Werbeeinahmen kassiert, die nach Meinung der Verlage ihnen alleine zustehen. Was aber wäre, wenn die Verlage, anstatt zu jammern, mit Google gleichziehen und  sich ebenfalls krakenartig im Netz ausbreiten würden? Wenn sie also nicht mehr darauf warten, dass die Nutzer zu ihnen auf die eingehegten Online-Plattformen kommen, sondern ihren Content überall dort anbieten, wo die Nutzer schon sind? Zum Beispiel bei Facebook, MySpace oder auf Blogs?

Die New York Times geht diesen Weg seit einigen Monaten sukzessive und sehr konsequent mit ihrer neuen offenen Schnittstelle (API). Bisher stellt die Zeitung über offene APIs unter anderem zur Integration in fremde Webseiten bereit:

  • 2,8 Millionen Beiträge aus der New York Times seit 1981 (zu einem späteren Zeitpunkt auch Blogbeiträge)
  • Datenbankinfos aus ihren Bestsellerlisten
  • Datenbank-Infos über US-Politiker
  • Kinofilm-Kritiken als mobile Applikation für das G1
  • ein Mashup aus ihren Campaign Finance Infos zum Präsidentschaftswahlkampf und Google Charts
  • die NYT Suchmaschine

nytkino1

nyt-finance-chart

Ein schönes Beispiel dafür, welche Kreativität Nutzer mit diesen Schnittstellen entfalten, gibt es hier – die Visualierung von Ergebnissen aus der NYT Suchmaschine:

nyt-mashup1

Diese für die Nutzer kostenfreien Dienste sind nicht nur Imagewerbung für die Zeitung, sondern sollen natürlich Traffic-Ströme zurück zur Zeitung lotsen. Der Verlag hat die Option, die Dienste durch Werbeintegration oder durch gebührenpflichtige Premium-Angebote zu refinanzieren. Doch das Wichtigste ist erst einmal: Die New York durchzieht nach und nach das (US-) Internet mit ihren Inhalten und Diensten und macht sich dadurch allgegenwärtig.

Offene APIs sind umgekehrt wiederum ein Anreiz für guten Online-Journalismus und kreative Website-Entwicklung. Denn originelle und netzwertige Applikationen haben natürlich viel bessere Chancen tausendfach auf Websites, in Blogs und Social Network-Profilen integriert zu werden als reine Me-Too-Widgets.

Ironischerweise allerdings lässt Autor David Carr ausgerechnet in der New York Times die alte Verlagssehnsucht nach den walled gardens wieder aufleben:

No more free ride to aggregators. Google announced that it would begin selling ads against Google News, with almost no financial accommodation to the organizations that generate that news. […] Google, The Huffington Post and Newser have built their audiences and brands on other people’s labors. Most aggregators are not promoting newspaper content; they are repurposing it to their own ends. Newspapers’ audiences are harvested and sold divorced from the content that attracted them in the first place.

Über die neue Strategie der New York hier  auch ”Netzökonom“ Holger Schmidt.

Nachtrag vom 10. März: Jetzt hat auch der Guardian seine Schnittstelle geöffnet.

Und was ist Ihre Meinung? Was können Verlage von Google lernen? Sind offene Schnittstellen der richtige Weg?