Wieviel ist die Leistung eines Journalisten wert?

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So etwas hat es früher nicht gegeben: Ex-Journalisten, die sich als damals überbezahlt outen. Freie Journalisten, die offene Briefe vom Neid auf die Festangestellten schreiben. Leitende Redakteure, die einem Medienblog einen anonym Brief zuspielen: Wie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt. Medienprofessoren, die Journalisten knallhart den kommerziellen Gegenwert ihrer Leistung vorrechnen. Doch solche Beiträge lese ich jetzt zumindest gefühlt immer häufiger.

Der Wind auf dem journalistischen Arbeitsmarkt weht immer rauer. Die gut bezahlten Redakteursposten, womöglich noch mit zusätzlichen Altersansprüchen aus dem Presseversorgungswerk, werden immer weniger.  Medienlese verlinkte heute in seiner Lesetipp-Kolumne  „6 vor 9“  einen Beitrag aus dem Schweizer Blog arlesheimreloaded mit dem provokativen Titel: ”Kürzt den Journalisten das Gehalt“ . Darin schreibt Manfred Messmer:

So ein Journalist ist gut bezahlt, fängt bei 70, 80’000 Franken an und kommt nach ein paar wenigen Jährchen im Dienst auf über 100’000 Franken und kann, wenn er etwas Job-hoppt gut und gerne 120, 130, 140’000 und mit Chefwürden ausgestattet auch etwas mehr heimtragen. Dazu kommen noch etliche Vergütungen, sogenannte Fringe Benefits, dazu Überzeit- und Abenddienst- und Wochenendkompensationen, sechs Wochen Ferien und so weiter und so fort.[…]Mit anderen Worten: Journalisten sind, wenn man die Sozialleistungen noch hinzuzählt, für einen Verlag sauteuer, weil gegenüber dem Durchschnitts-verdiener überdurchschnittlich entlöhnt. Ja man könnte sie ohne weiteres den Bankangestellten der UBS zur Seite stellen.

Messmer selbst war laut seiner Blogbio „stv. Chefredaktor einer Tageszeitung, Korrespondent in New York für Schweizer Tageszeitungen und Chefredaktor zweier Wochenzeitungen“, weiß also aus eigener Anschauung, ob Schweizer Journalisten diese Gehälter wert sind (100.000 Franken = circa 72.000 Euro). Nun ist er allerdings kein Journalist mehr, sondern macht mit seiner Firma messmerpartner Public Relations wahrscheinlich viel besser bezahlte PR. Man darf auch getrost annehmen, dass Messmer in seiner aktiven journalistischen Phase niemals öffentlich gesagt hat, er sei überbezahlt. Bemerkenswert ist seine freizügige Bemerkung dennoch, denn sie lässt sich ja rückwirkend auch auf ihn selbst beziehen.

Inspirieren ließ sich Messmer vom US-Medienökonomen Robert Picard, der zwei Tage vorher im Christian Science Monitor einen Beitrag mit dem provokativen Titel schrieb: Why journalists deserve low pay. Doch während Messmer kultiviert räsoniert, dass Journalisten ihre Leistung und deren kommerziellen Wert für die Verlage nicht gerne im Zusammenhang sehen, weil das ihre ”innere Unabhängigkeit“ gefährde, schreibt Picard ebenso radikal wie ehrlich:

Wages are compensation for value creation. And journalists simply aren’t creating much value these days.

Wir Journalisten neigen dazu, zu vergessen, dass viele Verlage sich zwar gerne in Sonntagsreden mit Qualitätsjournalismus aus unserer Feder schmücken. In den Bilanzen sind wir aber vor allem ein Kostenfaktor. Geld bringen Abos, Kioskverkäufe und Anzeigen, und wenn diese Erlöse um den Faktor x sinken, dann ist die gleiche journalistische Leistung kalkulatorisch auch um Faktor x gesunken, weil sie ja dementsprechend weniger Erlöse generiert hat.Der Maßstab, an dem sich Redakteure in Deutschland außerdem zunehmend messen lassen müssen, ist der Vergleich mit der Leistung freier Mitarbeiter.

Reihenweise testen Verlage gerade aus, mit wieviel festangestellte Redakteuren sie gerade noch über die Runden kommen, um das Blatt oder das Heft zuverlässig zu produzieren und eine gewisse redaktionelle Linie zu wahren. Schreiben aber können Freie für einen Bruchteil der Kosten, die ein Redakteur für die gleiche Leistung produziert.

In den USA sind die goldenen Zeiten für Zeitungsjournalisten, die in sehr gut besetzten Redaktionen mit teilweise über 100.000 Dollar im Jahr nach Hause gehen, wohl unwiderruflich vorbei. Wer einen Vertrag mit solchen Konditionen noch halten kann, muss schon unersetzlich für das Blatt sein. In Deutschland (wo Redakteure im Durchschnitt weniger verdienen als in den USA und in der Schweiz) gibt es Redakteurs-Tarifverträge, die Gehälter können nicht einfach nominell abgesenkt werden.

Doch auch hierzulande befindet sich der Wert journalistischer Leistung im freien Fall. Die Anpassung geschieht indirekt durch Tarifflucht, Outsourcing von Redaktionen, betriebsbedingte Entlassungen, Buy-outs mit großzügigen Abfindungen (momentan gerade aktuell beim Kölner DuMont-Verlag) und Arbeitsverdichtung.

Und wieviel die Arbeit freier Journalisten der Controllern wert ist, darüber brauchen wir nicht einmal zu reden. In vielen Verlagen sind die Honorare in den letzten Jahre höchstens nach unten verändert worden. Wenigstens brauchen Freie als Kostenfaktor kein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Auftraggebern zu haben. Egal, wieviele Anzeigenkunden oder Abonnenten in Zukunft noch abspringen mögen: Soviele, dass die Leistung eines freien Journalisten in der Kosten-Nutzen-Rechnung unter dem Strich als Pluspunkt steht, werden allemale übrigbleiben.

Eine Antwort zu “Wieviel ist die Leistung eines Journalisten wert?

  1. Hey, wollte nur kurz sagen, dass ihr wirklich ne tolle Seite hier habt!

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