Was Verlage von Google lernen können

Um das vermeintlich Parasitäre an News-Aggregatoren wie Google News, Webnews oder Huffington Post zu verdeutlichen, bemühen Verlage gerne eine Analogie aus der analogen Medienwelt: Demnach käme kein Mensch auf die Idee, Stapel von Zeitungen zu kaufen, die Artikel daraus zu fotokopieren, die Seiten zusammenzutackern, Werbeanzeigen darauf zu kleben, sich flächendeckend an belebte öffentliche Plätze zu stellen und die Kopien an Passanten zu verschenken. Nein, natürlich nicht. Das Geschäftsmodell wäre entweder illegal oder – bei Einhaltung der Urheberrechte – nicht zu finanzieren. Und deshalb stimmt die Analogie auch nicht.

Korrekt wäre vielmehr folgender Vergleich: Google News und Co. stellen sich an belebte Innenstadtplätze in aller Welt und verteilen Fragebögen. Darauf kann jeder Interessent ankreuzen, was ihn interessiert: Nur Sport- und Wirtschaftsnachrichten, nur Texte auf Deutsch oder nur Artikel, in denen bestimmte Begriffe vorkommen. Daraufhin besorgt sich der Newsaggegator in Sekundenschnelle Tausende von verfügbaren Zeitungen, klebt ebenso schnell zu den Suchbegriffen passende Werbung auf die Seiten, tackert die ganzen Unikate zusammen und schenkt sie den jeweiligen Interessenten. Doch wenn der Nutzer sein personalisiertes Exemplar aufschlägt, dann findet er keine ganzen Artikel, sondern jedesmal nach nach wenigen Zeilen den folgenden Hinweis: Wenn Sie diesen Beitrag in der vollständigen Fassung lesen wollen, dann kaufen Sie die Zeitung XY. Was natürlich  kaum jemand täte.

Im Internet ist Google dieser Kiosk. Er führt Tausende von Zeitungen und Magazine im Sortiment und beschert diesen Titeln zusätzlichen Traffic. Doch dafür bezieht er Prügel, weil er für diesen Dienst Werbeeinahmen kassiert, die nach Meinung der Verlage ihnen alleine zustehen. Was aber wäre, wenn die Verlage, anstatt zu jammern, mit Google gleichziehen und  sich ebenfalls krakenartig im Netz ausbreiten würden? Wenn sie also nicht mehr darauf warten, dass die Nutzer zu ihnen auf die eingehegten Online-Plattformen kommen, sondern ihren Content überall dort anbieten, wo die Nutzer schon sind? Zum Beispiel bei Facebook, MySpace oder auf Blogs?

Die New York Times geht diesen Weg seit einigen Monaten sukzessive und sehr konsequent mit ihrer neuen offenen Schnittstelle (API). Bisher stellt die Zeitung über offene APIs unter anderem zur Integration in fremde Webseiten bereit:

  • 2,8 Millionen Beiträge aus der New York Times seit 1981 (zu einem späteren Zeitpunkt auch Blogbeiträge)
  • Datenbankinfos aus ihren Bestsellerlisten
  • Datenbank-Infos über US-Politiker
  • Kinofilm-Kritiken als mobile Applikation für das G1
  • ein Mashup aus ihren Campaign Finance Infos zum Präsidentschaftswahlkampf und Google Charts
  • die NYT Suchmaschine

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Ein schönes Beispiel dafür, welche Kreativität Nutzer mit diesen Schnittstellen entfalten, gibt es hier – die Visualierung von Ergebnissen aus der NYT Suchmaschine:

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Diese für die Nutzer kostenfreien Dienste sind nicht nur Imagewerbung für die Zeitung, sondern sollen natürlich Traffic-Ströme zurück zur Zeitung lotsen. Der Verlag hat die Option, die Dienste durch Werbeintegration oder durch gebührenpflichtige Premium-Angebote zu refinanzieren. Doch das Wichtigste ist erst einmal: Die New York durchzieht nach und nach das (US-) Internet mit ihren Inhalten und Diensten und macht sich dadurch allgegenwärtig.

Offene APIs sind umgekehrt wiederum ein Anreiz für guten Online-Journalismus und kreative Website-Entwicklung. Denn originelle und netzwertige Applikationen haben natürlich viel bessere Chancen tausendfach auf Websites, in Blogs und Social Network-Profilen integriert zu werden als reine Me-Too-Widgets.

Ironischerweise allerdings lässt Autor David Carr ausgerechnet in der New York Times die alte Verlagssehnsucht nach den walled gardens wieder aufleben:

No more free ride to aggregators. Google announced that it would begin selling ads against Google News, with almost no financial accommodation to the organizations that generate that news. […] Google, The Huffington Post and Newser have built their audiences and brands on other people’s labors. Most aggregators are not promoting newspaper content; they are repurposing it to their own ends. Newspapers’ audiences are harvested and sold divorced from the content that attracted them in the first place.

Über die neue Strategie der New York hier  auch ”Netzökonom“ Holger Schmidt.

Nachtrag vom 10. März: Jetzt hat auch der Guardian seine Schnittstelle geöffnet.

Und was ist Ihre Meinung? Was können Verlage von Google lernen? Sind offene Schnittstellen der richtige Weg?

6 Antworten zu “Was Verlage von Google lernen können

  1. IBM hat ja schon 2004 in „Media and entertainment 2010“ von der Open Media Company gesprochen: „opening content reserves“ war da einer der entscheidenden Ratschläge. Sicherlich kann es nicht schaden, „alte“ Inhalte, mit denen auf keine andere Weise mehr Geld verdient werden kann (Denn nichts ist älter als die Nachrichten von gestern — und bezahlen möchte für diese dann doch niemand mehr, vgl. Paid Content bei SpOn, die mit Spiegel Wissen ja ähnlich agieren [wollen]), in fremde Angebote einzubringen bzw. einbinden zu lassen. Allerdings sehe ich hier auch keine echte Geschäftsmöglichkeit für Verlage außer einem „Brandstreaming“. Auch ein bisschen Traffic kann dadurch sicherlich auf die eigene Seite gelenkt werden. Fraglich ist aber, ob man mit diesen Angeboten final nicht doch wieder diejenigen Plattformen stärkt, in die man sich einbringt (ob nun Facebook oder das G1) und zu denen man eigentlich in Konkurrenz steht — wenn man hier denn überhaupt noch in diesen klassischen Zusammenhängen denken kann.

  2. Pingback: Auch der Guardian stellt seinen Content im Web bereit « Medial & Digital

  3. Ich halte diesen Weg nicht nur für einen testenswerten Schritt, sondern für eine absolute Notwendigkeit.

    Ausserdem bin ich nach wie vor der Ansicht, dass die Tz-Verlage neben ihren regionalen/lokalen Webauftritten auch selbst SocialNetworks initiieren müssen. Dazu kommt der absolut notwendige Schritt des Aufbaus einer Dachmarke aller Tageszeitungen, denn so kann eine große eigene Community geschaffen werden – siehe mein Beitrag in w&v Media.

    Aber:
    Da müssen Verlage noch weitere Kreativität und Engagements in fortführende Erlösmodelle stecken!

  4. Die Idee mit den Widgets ist leider nur sehr schwer unter eingeschworenen Print-Menschen zu vermitteln, die nach wie vor ihre Paranoia gegenüber dem Web hegen und pflegen. Trotz offensichtlich sinkender Druckauflagen weigern sie sich, die von ihnen produzierten News schneller, gezielter und preisgünstiger über andere Kanäle zu verteilen und so über Reichweite Geld zu verdienen.
    Aber wenn meine „exklusiven“ weil lokalen News eh schon via Google weltweit verbreitet werden, warum unterstütze ich das nicht, indem ich jeder Kommune und jedem Verein meine Schlagzeilen anbiete, damit sie stets aktuelle Elemente auf ihren sonst drögen Seiten haben?

  5. Pingback: Link-Tipps der letzten Zeit | Leander Wattig

  6. Pingback: Was Verlage von Google lernen können « Hansbay’s Blog

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