Dürfen’s ein paar mehr oder weniger sein? Die deutsche Twitterszene spekuliert über ihre Größe

Seit Nicole Simons Tweet vor sechs Wochen vergeht kaum ein Tag, in der nicht aufs Neue über die Zahl der deutschsprachigen Twitter-User spekuliert wird. twittersimon

Die Angaben variieren heftig – von nur 10.000 bis über 100.000. Eines haben die Ratespiele gemeinsam: Es wird nur selten erklärt (geschweige denn überzeugend), wie derjenige, der die Zahl in die Welt gesetzt hat, darauf gekommen ist. Netzökonom Holger Schmidt beruft sich in seinem FAZ-Blog z.B. auf Sascha Lobo:

„In Deutschland gibt es zurzeit etwa 50.000 einigermaßen aktive Twitter-Nutzer. Bis Ende des Jahres rechne ich mit 150 000 bis 250.000 aktiven deutschsprachigen Nutzern.“

Außerdem kommt laut Lobo auf jeden vierten bis fünften aktiven Twitterer ein ”Schattenfollower“, der nur zuhört, aber selbst nie twittert. Ausgeführt sind die Zahlenrelationen und wie sie zustandekommen nicht weiter, aber das führt wohl im Blog einer Tageszeitung zu weit. Immerhin erfüllen dort Beiträge auch immer noch den Sinn, dem Allgemeinpublikum zu erklären, was Twitter überhaupt ist und soll.

Nicole Simon greift auf ihrem Blog Mit 140 Zeichen.de die Diskussion auch auf, will aber die Zahl ”86.593″ nur zum Spaß in die Runde geworfen haben, um zu sehen, wie sich alle darauf stürzen. Sie zitiert z.B. @talkabout (PR-Fachmann Mirko Lange), der zumindest mal brauchbar definiert hat, was denn ein ”aktiver“ Twitterer sei:

”Bei der Masse an Tweets ist “aktiv” wohl mindestens “täglich”. Sonst keine direkte Ansprache mögl.“

Vor ein paar Tagen dann brachte Jörg Friedrich auf seinem Blog eine sehr viel niedrigere Zahl ins Spiel: Es seien nur rund 10.000 deutschsprachige Twitterer. Die höheren Zahlen anderer erklärt er dadurch, dass die Alpha-Twitterer große Teile ihrer Netzwerke teilen, und deshalb viele Follower in anderen Berechnungen gleich mehrfach gezählt würden. Obwohl Friedrich eine streng mathematisch-statistische Berechnugsmethode angibt, überzeugt mich dieser Ansatz dennoch nicht, denn er zählt nur die großen Netzwerke. Twitterer mit nur wenigen Followern, die oft gerade nicht aus der Web- und Medienszene stammen und deshalb oft auch ganz andere Follower mitbringen, fallen dabei unter den Tisch. Gerade davon gibt es in jüngster Zeit aber immer mehr, weil durch die vielen Berichte in den Massenmedien Twitter gerade der Early Adopter Phase entwächst.

Heute schließlich brachte Thomas Pfeiffer bei den Web Evangelisten frische Zahlen ins Spiel, die im Mittelfeld der bisher genannten Werte liegen:

Es gibt zurzeit etwa 27.000 aktive deutschsprachige Twitternutzer, zählt man auch die passiven Nutzer hinzu, die nicht selber twittern, aber anderen Accounts folgen, sind es ca. 38.000.

Die Web Evangelisten haben für ihre Analyse in der letzten Februarwoche 2009 die Twittersuche abgefragt, alle deutschsprachigen Tweets  gesammelt und mit den Ergebnissen aus anderen Nutzeranalysen verglichen. Diese Methode klingt für mich am überzeugendsten, weil sie die Alpha-Twitterer der ersten Stunde mit Tausenden von Followern ebenso berücksichtigt wie den Long Tail der Neu-Twitterer. Ich werde mich auf diese Zahlen mit Verweis auf die Web Evangelisten  jedenfalls so lange berufen, bis mir jemand eine noch bessere Methode präsentieren kann.

6 Antworten zu “Dürfen’s ein paar mehr oder weniger sein? Die deutsche Twitterszene spekuliert über ihre Größe

  1. Oh, hier muss ich was richtig stellen: Meine Berechnung berücksichtigt natürlich auch die Twitterer mit kleinen Follower-Zahlen, da sie wiederum ja den größeren folgen. außerdem habe ich nicht die „Alpha-Twitterer“ für meine Berechnungen verwendet, sondern gerade die mittelgroßen. Entscheidend ist, dass ich in einer vorherigen Simulation die ideale Stichprobengröße ermittelt habe: Wenn es 50.000 Twitterer gäbe, dann müsste ich eben jene berücksichtigen, die mehr als 250 Follower haben, um zu einer stabilen Schätzung zu kommen.
    Der Satz „Die höheren Zahlen anderer erklärt er dadurch, dass die Alpha-Twitterer große Teile ihrer Netzwerke teilen, und deshalb viele Follower in anderen Berechnungen gleich mehrfach gezählt würden.“ ist falsch, ich weiß nicht, wie andere zu höheren Zahlen kommen.

    Die zweite Berechnungsmethode von Thomas Pfeiffer finde ich übrigens sehr plausibel. Natürlich hat sie auch Unsicherheiten, und seine wesentlich höhere Zahl motiviert mich, nach einem Fehler in meinen Berechnungen zu suchen – oder weitere Gründe für die Richtigkeit meiner Schätzung anzugeben😉

  2. Ich glaube aber, dass es ein Fehler ist, Twitterer nicht zu berücksichtigen, die weniger als 250 Follower haben. Ich schaue mir meine Neu-Follower immer ziemlich genau an (außer Spammer), bevor ich zurückfollowe oder nicht.

    Was mir dabei immer wieder auffällt: Je weniger Follower jemand hat, um so mehr Leute sind darunter, die mir mir noch nirgendwo anders aufgefallen sind. Daher meine These, dass seit einigen Wochen ganz neue Kreise außerhalb der Techie- und Medienszene Twitter entdecken. Die bringen ganz neue Follower mit – und die sollte man natürlich auch berücksichtigen. Das wird bei Thomas Pfeiffer ganz einfach gelöst, weil seine Methode Accounts unabhängig von ihren Followerzahlen auswertet.

  3. Versuch eines 140-Zeichen-Fazit: Der Bekanntheitsgrad von Twitter steigt kontinuierlich! Das die Medien allerdings schon von DEM neuen Massenmedium sprechen – und das bei den Nutzerzahlen – ist schon verwunderlich. Hype oder nachhaltiger Trend? Bin gespannt auf das GF-Modell von Twitter und was dann passiert…

  4. @Marc Pfeil:
    Das künftige Geschäftsmodell von Twitter zeichnet sich ja allmählich am Horizont ab: Unternehmen gebührenpflichtigen Zugang zu detaillierten Daten der Twittersuche ermöglichen, damit diese in Echtzeit verfolgen können, wer was über ihre Marke sagt. Erstaunlich finde ich die Begründung, warum Twitter auf Werbung als Einnahmequelle verzichten will: Nicht weil sie das nicht gut fänden, sondern weil ihnen die Manpower für die Vermarktung fehlt…

    Siehe dazu heute auch Advertising Age:
    http://adage.com/digital/article?article_id=134954

  5. Pingback: Twitter: Ein paar Gedanken am Morgen | Dr. Roman Zenner

  6. Pingback: eCommerce articles |Roman Zenner

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