Twitterkonzepte der Verlage – Erfolge mit und ohne Dialog

Leander Wattig hat auf seinem Blog heute eine interessante Liste veröffentlicht – mal kein Ranking nach Anzahl der Follower, sondern der Replies. Auf dieser Liste taucht der erfolgreichste Spiegel Online-Feed (Spiegel_Eil) mit rund 3000 Followern erst an zehnter Stelle auf.

Obwohl SPON quasi aus dem Stand ( Start war erst am 18. Dezember) schon allein mit diesem einen Feed (es gibt noch 17 weitere) die meisten Follower aller deutschen Zeitungen und Zeitschriften eingesammelt hat, kommt ein Dialog hier nicht in Gang. Wie sollte er auch – SPON antwortet ja nicht. Schaut man sich die bisher 133 @replies an Spiegel_Eil etwas näher, so fallen vor allem drei Kategorien auf:

  • Retweets (die einzige Form von ausgedrückter Wertschätzung)
  • Fragen, warum Spiegel_Eil ”alles doppelt twittert“
  • Fragen, warum Spiegel_Eil ”langsamer ist als andere“

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Eine große Zufriedenheit spricht nicht gerade aus diesen Reaktionen. Aber es sind ja auch nur wenige Reaktionen. Die schweigende Masse ist offenbar völlig zufrieden damit, von SPON wie von einer Onlineagentur mit Meldungen beliefert zu werden. Und da SPON bei den Printtiteln Reichweitensieger im Internet ist (über 500 Mio Page Impressions und knapp 90 Mio Visits im Dez. 2008 laut IVW sowie 5,26 Mio Unique User im 3. Quartal 2008 laut AGOF ) war  es nicht unlogisch, dass SPON auch ohne Dialog im Follower-Ranking ganz schnell ganz oben stehen würde.

Interessanterweise kann Focus Online, das ebenso wie SPON Nachrichten in verschiedenen Feeds bei Twitter einlaufen  lässt – das allerdings als Pionier schon seit Mai 2007 –  bei den Follower-Zahlen kaum noch zulegen. Die liegen nämlich schon seit geraumer Zeit bei rund 250 (Hauptfeed), bzw. rund 800 (alle zehn Feeds). Das Nutzerpotenzial für diese Art von Twitterkonzept scheint also begrenzt, obwohl die Twitter-Nutzerzahlen ständig steigen. (Momentan gibt es rund 85.000 deutsche Nutzer laut Twitterexpertin Nicole Simon). Auch bei SPON dürfte also demnach die Kurve der Follower-Zuwächse bald abflachen.

Interessant ist auch, wie es Der Westen schafft, mit rund 1700 Followern auf ein hohes Feedback von über 1500 Replies zu kommen. Grob vereinfacht hat fast jeder Follower schon mal dem Westen per Twitter direkt geantwortet. Die für den Dialog nötige Twitterpräsenz (18 Stunden pro Tag ab 6 Uhr in der Frühe) sowie das nötige Auswerten und Trennen von sinnvollem und unsinnigem Nutzer-Feedback fordern allerdings auch ihren Tribut. ”Wir twittern in Schichten, einer alleine kann das gar nicht bewältigen“, schilderte Katrin Scheib, Chefin vom Dienst bei Der Westen, vorgestern auf dem Hamburger Microblogging-Kongress MBC09. ”Der Westen“ fördert Twitter-Feedback gezielt mit Umfragen und stellt auch Recherchefragen in die Runde.

HAZde (Hannoversche Allgemeine Zeitung) steht mit 649 Replies/588 Follower ebenfalls sehr gut da. Um neue Follower zu gewinnen, griff Twitterer Marcus Schwarze, HAZ Ressortleiter Online, in einer Adventsaktion sogar in die eigene Tasche und spendete für jeden neuen Follower einen Euro an die HAZ Weihnachtshilfe. HAZde-Tweets profitieren ebenso wie Tweets des Westen von einer relativ hohen Retweet-Rate, was die Streams bekannter macht. Über das erfolgreiche Twitter-Konzept von Welt Kompakt ist schon einiges geschrieben worden, zum Beispiel hier, so dass ich die Berliner Kollegen heute mal beiseite lasse (ist keinesfalls abwertend gemeint!)

Bemerkenswert ist nicht zuletzt, wie der dialogfreudige Twitter-Neuling LN_Online (Lübecker Nachrichten Online) mit seinem Twitter-Start im November 2008 und bisher erst 98 Followern  bereits auf 133 @replies kommt – und damit auf ebensoviele wie Follower-Platzhirsch Spiegel_Eil. Einer der Follower von LN-Online davon ist übrigens die Lübeckerin Nicole Simon, die erst über den sympathischen Twitter-Auftritt der norddeutschen Zeitung ihre alte Leser-Blatt-Bindung wiederentdeckt hat (s. auch Interview).

Nachtrag – Ein Hinweis von Inka Burow, HAZ.de, Redaktionsleiterin der Aktuell-Redaktion:

Marcus Schwarze war Ressortleiter der Online-Redaktion der HAZ. Seit dem 1. Januar 2009 ist dies nicht mehr so. Bei den Tweets haz und hazde handelt es sich um Angebote von Marcus Schwarze (arbeitet im Newsroom der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung) und Dirk Kirchberg (freier Mitarbeiter bei HAZ.de). Die inzwischen bei Madsack Online angesiedelte Online-Redaktion zwitschert nicht, sie kümmert sich um HAZ.de und neun weitere regionale Zeitungsportale.

6 Antworten zu “Twitterkonzepte der Verlage – Erfolge mit und ohne Dialog

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  4. Pingback: Wolfgang Büchner: Warum Spiegel Online so und nicht anders twittert « Medial & Digital

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