Do’s and Don’ts für twitternde Redaktionen – Interview mit Nicole Simon

Seit dem Herbst 2008 hat die Twitterwelle mit Wucht die deutsche Verlagsszene erreicht. Inzwischen sind nicht mehr nur eine Handvoll Social-Media-Verlagspioniere, sondern schon über 40 Zeitungen und Zeitschriften mit einem eigenen Account dabei. Doch was ist richtige Strategie, wenn Zeitungen  twittern? Sollen sie den Dialog mit ihren Followern pflegen und als Redaktion auch interessanten Nutzern folgen – so wie das beispielsweise Der Westen und die Hannoversche Allgemeine Zeitung tun? Sollen sie wie die Welt Kompakt launige Interna aus der Redaktion verbreiten? Oder wie Focus Online und Spiegel Online als kommunikative Einbahnstraße nur die RSS-Feeds der Onlinemeldungen einlaufen lassen? Alles scheint möglich.

Über Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Twitterstrategien und die Do’s and Don’ts, wenn Journalisten professionell oder privat twittern, habe ich ein Interview geführt mit der Lübecker Social-Web-Expertin Nicole Simon. Sie ist Autorin des im Dezember 2008 erschienenen Fachbuchs ”Twitter – Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“.

Am Ende des Interviews gibt es noch eine nützliche Linkliste.

Und hier die Einschätzungen von Nicole Simon:nicole_simon1

Müssen Redaktionen jetzt twittern oder geht der Hype ohnehin wieder vorüber?

NICOLE SIMON: Nein, das Phänomen wird bleiben. Menschen wollen sich unmittelbar mitteilen und Twitter erfüllt dieses Bedürfnis auf ganz einfache Weise. Selbst wenn das Unternehmen hinter Twitter von heute auf morgen pleite geht, dann werden andere sofort an dessen Stelle treten. Jetzt haben Redaktionen noch die Zeit, mit dem Medium zu spielen und sich in Ruhe damit vertraut zu machen. Irgendwann aber nicht mehr, weil dann alle anderen schon da sind. Wenn eine Redaktion heute noch nicht twittern möchte, sollte sie zumindest schon mal ihre Claims abstecken und ein Account unter ihrem Namen reservieren. Und dann sollte die Redaktion zunächst in einer geschlossenen Gruppe üben. Ein öffentlicher Auftritt einer großen Zeitung kann sich keine Spielwiese leisten, der muss sofort professionell aussehen.

Die Nutzerzahlen bei Twitter sind ja noch eher gering…

Es gibt in Deutschland schätzungsweise einige zehntausend Twitterer. In nackten Zahlen ist das eine zu vernachlässigende Größe. Aber diese Leute können sich in Echtzeit untereinander vernetzen, es sind Muliplikatoren, die Themen setzen und Trends generieren. Viele einflussreiche Twitterer haben sich inzwischen fast völlig diesem Medien verschrieben und schreiben kaum noch etwas auf ihren Blogs.

Vor zwei Jahren hieß es über Second Life, da müssten Unternehmen und Medienmacher Präsenz zeigen. Inzwischen haben selbst die großen Second-Life-Medien, der ”Avastar“ aus dem Axel Springer Verlag und die Reuters-Filiale, wieder dichtgemacht…

Bei Second Life war für viele Nutzer die  Hemmschwelle zu hoch, um dort wirklich etwas Sinnvolles zu machen. Und das galt auch für Unternehmen, die zögerten, für einen Auftritt in Second Life viel Geld in die Hand zu nehmen. Bei Twitter sind die Anforderungen an jeden User viel niedriger. Sie sind noch viel niedriger als bei Blogs und Podcasts, die in der passiven Nutzung inzwischen relativ gut angenommen werden. Aber es produzieren nur wenige, weil das aufwändig ist. Für Twitter braucht man nur einen Webbrowser, den hat jeder, und man darf nur maximal 140 zeichen schreiben. Das ist eine Einschränkung, die dafür sorgt, dass wirklich jeder damit umgehen kann. Außerdem gibt es schnelle Erfolgserlebnisse – es gibt Rückmeldungen.

Wie können Redaktionen Twitter sinnvoll einsetzen?

Zwischen dem bloßen Reinstellen von RSS-Feeds und extrem dialoglastigen Twitter-Feeds ist vieles möglich. Es gibt den twitternden Chefredakteur, es gibt die Redaktion hinter dem Twitterfeed oder einzelne Redakteure, die auf ihrem eigenen Account twittern. Die Rollen sollten nur klar definiert sein, damit keine Erwartungen enttäuscht werden. Man sollte sich auch darauf gefasst machen, dass man es nicht jedem recht machen kann. Zuletzt hat das der Spiegel erlebt: unterteilt in 18 verschiedene Twitter-Feeds kann man entweder den Nachrichtenstrom abonnieren oder nur ausgewählte Topmeldungen. Der Aufschrei in der Gemeinde war groß über den angeblichen schlechten Anfang, weil es keine Möglichkeit zum Dialog gibt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wüssten sie nicht, was sie tun. Nur: Die 1500 gewonnenen Nutzer innerhalb von zwei Wochen sprechen eine andere Sprache.

Sollen bekannte Journalisten unter ihrem eigenen Namen twittern?

Ja, absolut, wenn sie erstens verstehen, dass Twitter kein banaler Blödsinn ist, sondern ein wichtiges Werkzeug für die ”Marke“ eines Journalisten sein kann. Und wenn sie zweitens mit der Unmittelbarkeit umgehen können. Das vorausgesetzt, ist Twitter ein wunderbarer Kanal, um Leser zu Followern zu machen. Leser, die von einem bestimmten Autor, dessen Perspektive und Schreibstil, gar nicht genug bekommen können. Die Follower begleiten einen Journalisten durch dessen Alltag. Ich persönlich würde sehr gerne mehr Twitterstreams von großen Journalisten lesen, weil ich davon ausgehe, dass die sich zwei, drei mal am Tag in 140 Zeichen vom Handy aus in klugen Kommentaren äußern können.

Kann Twittern jedem Journalisten nutzen?

Es ist ein Tool, das man besser früher als später beherrschen sollte. Das Gros der Journalisten ist sicherlich zeitlich schlicht überfordert damit, eine Vielzahl von Social Web Entwicklungen selbst aktiv zu nutzen. Sie können sie aber durchaus in ihrer Wirkungsweise und Bedeutung analysieren. Viele Journalisten haben leider eine extreme Abneigung gegen die neuen Techniken, aber Twitter ist ja auch ein Thema. Es zu ignorieren, wäre genauso dumm wie als Wirtschaftsjournalist zu sagen, über Unternehmen x und y berichte ich nicht, weil ich die nicht mag. Mein Rat an Journalisten: Seid professionell und beschäftigt Euch professionell damit. Das ist nicht kompliziert.

Wie sinnvoll es, wenn Redaktionen nur RSS-Feeds aus ihrem Online-Portal bei Twitter reinstellen?

Von einer Redaktion erwarte ich durchaus, dass die wichtigsten Nachrichten als Feed eingespielt werden. Aber bitte nicht 500 Nachrichten am Tag, sondern eine Auswahl der vier oder fünf wichtigsten Meldungen des Tages.

Und wie können umgekehrt Redaktionen Twitter nutzen, um Informationen zu bekommen oder Stimmungsbilder einzufangen?

Wenn eine Redaktion erstmal Credibility aufgebaut hat, dann kann sie Twitter nutzen, um Fragen in die Menge zu stellen. Wenn ich aber vorher nur einen automatisierten Feed reingestellt habe und dann plötzlich eine Frage stelle, habe ich keine Chance, brauchbare Antworten zu bekommen. Die Redaktion sollte in Vorleistung treten und schon vorher Dialog zulassen. Wenn dann die Tweets von den Nutzern kommen, dann gilt es zu filtern, um Sinnvolles von Unsinn zu unterscheiden.

Gibt es Twitter-Feeds von Zeitungen, die Du regelmäßig verfolgst?

Ich erlebe als Lübeckerin gerade eine Kundenbindung an die ”Lübecker Nachrichten“ wie seit 1996 nicht mehr. Damals habe ich mein Abo gekündigt, weil die Ottifanten nicht mehr witzig waren. Ich habe keine emotionale Verbindung zu der gedruckten Zeitung, ich könnte auch irgendein anderes Blatt lesen, aber jetzt mit dem Twitter-Account und dem Blog fühle ich mich dieser Zeitung doch wieder verbunden. Den Auftritt finde ich sympathisch.

Vielen Dank für das Interview.

In diesem Blog-Beitrag analysiere ich verschiedene Twitter-Konzepte der Verlage.

Und hier noch die Linktipps zum Thema twitternde Redaktionen:

turi2-Umfrage: Wie nutzen Sie Twitter im Redaktionsalltag?

Leander Wattigs Liste: Welche deutschsprachigen Zeitungs- und Buchverlage verwenden welche Social Media Tools?

Verlage: Twitter-Ranking nach Anzahl der Replies (Leander Wattig)

Verlage: Twitter-Ranking nach Anzahl der Follower (Leander Wattig)

Sozialgeschnatter mit einer Liste twitternder Medien, auch Rundfunk- und Onlinemedien. Jede Menge Ergänzungen in den Kommentaren.

Claudia Sommers Liste mit Twitter-Büchern

Twitter for Journalists – Podcast der Columbia School of Journalism, New York

Wer weitere gute Links oder Linklisten kennt – bitte als Kommentar ergänzen!

Über die Twitter-Strategien der Redaktionen habe ich auch in der Journalistenfachzeitschrift MediumMagazin (Heft 1+2/09) einen Beitrag veröffentlicht. Auf der Website wird der Beitrag für Nicht-Abonnenten allerdings erst Ende Februar freigeschaltet.

25 Antworten zu “Do’s and Don’ts für twitternde Redaktionen – Interview mit Nicole Simon

  1. Pingback: micro | blogulus

  2. Sehr interessanter Beitrag /Ansichten.
    Danke

  3. Danke auch noch einmal für das Interview.🙂

    Als weitere Übersicht haben wir noch
    http://mit140zeichen.de/bersicht-der-twitter-listen-138

    im Angebot (wo ich auch sehr gerne Hinweise auf neue Listen entgegennehme!)

  4. Pingback: Verdienen Sie, was Sie verdienen! « relevant media. now.

  5. „Aber diese Leute können sich in Echtzeit untereinander vernetzen, es sind Muliplikatoren, die Themen setzen und Trends generieren.“

    herrlich, da musste ich lachen und wusste, dass ich nicht weiterlesen werde…

    Ihr lebt alle in Eurer kleinen eigenen Welt oder😉

  6. Selbstverständlich leben wir in unserer kleinen Welt, aber in dieser Welt (die andere beeinflußt) ändern sich die Regeln gerade massiv.

    Nicht weiterlesen ist eine Variante. Weiter an „TV und so glauben“ eine andere …

  7. Wenn twitter die Welt verändert bzw. aufgrund der von Veränderungen, insbesondere die Medienwelt beeinflusst im twitterschen Sinne, dann schaue ich lieber Fernsehen😉 Aber das sind sowieso alles nur nervige Hypes, die irgendwann zerplatzen. Die Welt ist komplexer als das sie in sone Zwitscherbox passen würde🙂

    Sorry, dass ich so oberflächlich antworte, aber ich hab nicht die Lust mich mit solchen Spielereien ernsthaft auseinanderzusetzen😉

  8. @Nicole Gut gegeben🙂

  9. @tvundso – vielleicht ist die tv-bubble auch schon kurz vorm exitus? die medienwelt ist in den letzten monaten schon deutlich durch twitter beeinflusst…

  10. @tvundso:
    Twitter ist vor allem das, was man selbst daraus macht. Folgst Du Schwätzern und Dummschwätzern, sieht Du einen endlosen Strom von Banalitäten. Manche mögen das – für mich wäre es pure Zeitverschwendung. Folgst Du Leuten, die Interessantes mitzuteilen haben, dann ist Twitter die größte Fundgrube an schnell verfügbaren und relevanten Informationen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Und es ist in der Tat die einfachste und effektivste Möglichkeit, sich in Echtzeit mit Multiplikatoren zu vernetzen.

  11. Ich glaube nicht an die Multiplikatoren-These. Das würde ja dem alten Meinungsführer-Modell entsprechen oder dem Zwei Stufen-Fluß der Kommunikation. Innerhalb von dem was ihr als Netzwerken oder Vernetzung bezeichnet macht das sicher Sinn, um quasi in Echtzeit auf dem Laufenden zu bleiben. Frau Simon und Langer gehen ja davon aus, dass es unabhängig von Twitter Meinungsführer gibt (oder Multiplikatoren), die Trends und Themen setzen. Und Twitter macht das dann in Echtzeit sichtbar. Ich behaupte, dass außer der angesprochenen kleinen Welt, sich niemand für solche Hypes interessiert. Und auch: das ihr die Macht der Themensetzung überschätzt. Und auch aus normativer Sicht wäre es sinnvoller für Medien eher Wert auf ausführliche Analysen zu legen, als Informationsschnipsel zu zwitschern. Muss sich ja aber nicht ausschließen.

  12. Pingback: Social Media Dienste (#1) - Microblogging « Nummer 15

  13. Pingback: Twitter für Verlage | digitalpublic.de

  14. Pingback: KoopTech » Titelgeschichte » Journalisten und Twitter - Nachrichten vom Medienwandel VII

  15. LastGunman

    Ich habe immer noch nicht kapiert, was Twitter denn eigentlich sein soll😀

  16. @LastGunman:

    Als Spiegel Online im Dezember anfing zu twittern, hat die Redaktion für Twitter-Neulinge ein anschauliche Anleitung ins Netz gestellt. Nachzulesen hier: http://www.spiegel.de/dienste/0,1518,597402,00.html

    Twitter-Tipps für Anfänger gibt es auch auf vielen Blogs, z.B. hier:
    http://carolin-neumann.de/2009/01/26/tipps-fur-twitter-anfanger/

    Und nicht zuletzt hilft in solchen Fällen ja auch ein Blick in Wikipedia…

  17. Pingback: Nicole Simon: Relevanz von Twitter für Medienunternehmen | Leander Wattig

  18. Jetzt hat die Branche ihren nächsten Glaubenskrieg – energisch vorangetrieben von den Missionaren (oder im Silicon-Valley-Techspeak gesagt: Evangelists) der Firma Twitter, die nicht mal ihr eigenes Geschäftsmodell plausibel zu erklären vermag. Wer sich als Medienmensch weigert, die angeblichen Segenswirkungen des neuen Heilands zu preisen, hat eben noch nicht die neue Bewusstseinsebene erreicht und ist von der Gemeinde entsprechend zu bemitleiden. Die überhebliche Art, in der gläubige Twitterer oft über unwissende Nichttwitterer herziehen, erinnert mich auf sehr unangenehme Weise an die PR-Strategien von Sekten und Ideologen. Und, ja: Es ist ein Abziehbild der Kampagne zur Einführung von SL.

    Für mich ist Twitter erst mal nur die neue Sau, die durchs Mediendorf getrieben wird. Unkritisch lobpreisen Journalisten, die vermutlich nicht einmal dafür bezahlt werden, diese Firma, statt kritisch über sie zu berichten. Täten sie letzteres, käme zum Beispiel an den Tag, dass die Twitterer und ihre Jünger (= Follower) einem kommerziellen Unternehmen bei der Anmeldung einen Persilschein für den Handel mit ihren personenbezogenen Daten ausstellen – und zwar außerhalb des Geltungsbereichs des eh schon schwachen Bundesdatenschutzgesetzes:

    „We engage certain trusted third parties to perform functions and provide services to us, including, without limitation … direct marketing campaigns.“

    „…we may use your contact information to market to you, and provide you with information about, our products and services, including but not limited to our Service.“

    „Twitter may sell, transfer or otherwise share some or all of its assets, including your personally identifiable information, in connection with a merger, acquisition, reorganization or sale of assets or in the event of bankruptcy. You will have the opportunity to opt out of any such transfer if the new entity’s planned processing of your information differs materially from that set forth in this Privacy Policy.“

    Im Klartext: Die haben einen Freibrief, die persönlichen Daten für personalisierte Werbung im Auftrag Dritter auszuwerten. Sie hoffen, dass ihr Laden durch die Anmeldungen vieler User so wertvoll wird, dass sie ihn teuer verscherbeln können. Und falls sie Pleite machen, sind Eure Daten Teil der Konkursmasse. Das Versprechen, dass man unter bestimmten Umständen ggfs. nachträglich der Weitergabe der Daten widersprechen könne, dürfte von Europa aus kaum einklagbar sein, zumal sie ausgesprochen schwammig formuliert ist.

    Zu der Diskussion über Two-Step Flow of Communication und Opinion Leaders: Wir haben ja längst Kommunikationsketten höchst unterschiedlicher Länge, wobei sich mancher vermeintliche Meinungsführer bei näherem Hinsehen als Follower, sprich: Nachplapperer, erweist. In der Hierarchie der Multiplikatoren, der sie kommunikationswissenschaftlich betrachtet zweifelsohne angehören, sind Twitterer ziemlich weit unten angesiedelt: Microblogger äußern sich systembedingt zu oft, zu kurz und zu knapp, als dass gesellschaftlich wichtige Zielgruppen von ihnen relevante Äußerungen erwarten könnten.
    Von daher kann man Twitter bestenfalls als weiteren Beitrag zur Zersplitterung des gesellschaftlichen Diskurses in immer kleinere Subsysteme sehen. Und als Teil des Trends weg von den klassischen Massenmedien, die immer weniger ihre Aufgabe erfüllen, eine breite gemeinsame Basis für die Meinungsbildung der Bürger zu schaffen.

  19. „Wer sich als Medienmensch weigert, die angeblichen Segenswirkungen des neuen Heilands zu preisen, hat eben noch nicht die neue Bewusstseinsebene erreicht und ist von der Gemeinde entsprechend zu bemitleiden.“

    Ich schätze inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Thema, nicht jedoch die grundsätzliche Verweigerungshaltung die viele an den Tag legen. Die auch an den Tag gelegt wurde als das Internet populär wurde, Blogs, Podcast, Second Life (und ja, virtuelle Welten werden wiederkommen) sowie Tools wie Twitter. Ich bemitleide in der Tat diese Menschen die die Verweigerungshaltung vorziehen anstatt ehrlich zu sagen „ich will mich damit nicht auseinandersetzen“.

    Ihr Argument „Von daher kann man Twitter bestenfalls als weiteren Beitrag zur Zersplitterung des gesellschaftlichen Diskurses in immer kleinere Subsysteme sehen.“ setzt voraus, daß auch in der heutigen Zeit + der Zukunft Massenmedien die gleich Aufgabe haben werden wie in der Vergangenheit – was ich bezweifele.

    In der Vergangenheit ging es nur über diesen Weg, weil es die einzige Möglichkeit war. Genauso wie man vor Jahrhunderten eine Knappheit von Büchern hatte und so gewisse Informationen nicht wandern bzw verbreitet werden konnten.

    „statt kritisch über sie zu berichten. “ unterstellt, das niemand in der Lage ist sich selber zu informieren und das nur die Berichterstattung dafür sorgt, daß man sich bestimmter Probleme bewußt wird. Und zeugt von einer Anspruchshaltung „ich will der Gatekeeper bleiben“ die sich – wenn auch nett versteckt – in Ihrer Thesenliste „wozu noch Journalisten“ unter http://www.ujf.biz/WozuNochJournalisten.html
    wiederspiegelt.

    Dort ist u.a. von dem Paralleluniversum im Web die Rede. Das Web genauso ein Paralleluniversum wie für viele meiner Freunde deren Hobbyumgebungen, mit eigenen Regeln und Befindlichkeiten. Niemand würde denen unterstellen, in einem Paralleluniversum zu leben.

    Natürlich gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit den AGB, wobei ich noch nicht einmal mit dem Datenschutz beginnen würde, sondern mit Nutzungsrechten von Inhalten auf globaler Ebene. Und dazu gehört auch daß wir uns in einer Welt befinden die international ist – auch wenn die Gesetze noch lange nicht darauf vorbereitet sind und die normalen Teilnehmer im Netz gerne auf kritische Berichte dieser Art anspringen, nur um als nächstes wieder ihre Paybackkarten rauszuholen und für mehr Daten für die Werbeverwertung sorgen als Twitter es jemals bekommen wird.

    Nachdem also die medial Aufmerksamkeitskarawane weitergezogen ist zum nächsten Thema wird sich zeigen, wie nachhaltig der momentane Trend ist. Und aus meiner Erfahrung der letzten fast 20 Jahre im Onlineumfeld sage ich: das bleibt. Es wird sich verändern und anpassen, aber es bleibt. Dem kann man trauen oder auch nicht, nur im Grunde befinden wir uns vergleichbar im Jahre 2002 mit der Aussage „das Internet geht nicht weg, beschäftige Dich damit als Medienprofi!“.

    Kritische Distanz? Ja bitte. Inhaltliche Auseinandersetzung? Unbedingt. In der Vergangenheit verharren und auf die Rückkehr der guten alten Zeit hoffen und bauen? Leider naiv, aber wem es Spaß macht.

  20. @ Nicole Simon

    „…grundsätzliche Verweigerungshaltung…“

    Damit können Sie mich zum Glück nicht meinen. Mich irrtiert allerdings der Ansatz,
    „Blogs, Podcast, Second Life …Tools wie Twitter“ auf eine Ebene zu stellen. Damit machen Sie es sich zu einfach.
    Allein der verräterische Ausdruck „Verweigerungshaltung“ bestätigt mich voll in meiner Kritik. Der unterstellt nämlich, dass man aus Konservativismus alias Dummheit pauschal gegen etwas wäre und sich für seine Meinung vor einer weiseren Instanz zu rechtfertigen hätte. (Oder würden Sie mir eine Verweigerungshaltung nachsagen, wenn ich mich weigere, bei 2 Grad von der Isarbrücke zu springen?)

    „Ich bemitleide in der Tat diese Menschen die die Verweigerungshaltung vorziehen anstatt ehrlich zu sagen “ich will mich damit nicht auseinandersetzen”.“

    Wiederum: Wen Sie auch meinen, mich nicht. Ich habe mich mit Twitter auseinandergesetzt so wie mit anderen Phänomenen von Web 1.0, 2.0 und sogar 3.0 (also etwas futuristischen Szenarien).

    „Ihr Argument … setzt voraus, daß auch in der heutigen Zeit + der Zukunft Massenmedien die gleiche Aufgabe haben werden wie in der Vergangenheit…“

    Habe ich so nicht gesagt. Aber ich darf es bedauern, denke ich, wenn auf der einen Seite eine Erosion stattfindet, ohne dass etwas Neues entsteht, das qualitativ UND quantitativ geeignet wäre, die Lücken zu schließen. Wer angesichts der heutigen Faktenlage behaupten wollte, die neuen Kommunikationsformen wären auch nur ein halbwegs befriedigender Ersatz, verwechselt Utopie und Wirklichkeit.

    „…unterstellt, das niemand in der Lage ist sich selber zu informieren und das nur die Berichterstattung dafür sorgt, daß man sich bestimmter Probleme bewußt wird.“

    Wieder voll neben der Zielscheibe! Prämisse war, dass Journalisten berichten. Solange sie das noch tun, gelten für sie die alten Ansprüche an professionellen, kritischen Journalismus. Die werden nicht dadurch obsolet, dass es heute mehr Menschen denn je gibt, die autark in der Informationsbeschaffung sind. Es enthält auch keinen Monopolanspruch auf eine Deutungshoheit der Profis.

    Genau andersrum wird ein Schuh draus: Immer mehr Bürger informieren sich an uns Journalisten vorbei, gerade weil wir unseren Job nicht gründlich genug machen, bzw. weil das Ergebnis unserer Arbeit oft zu oberflächlich ist.

    Über Ihre Unterstellung, ich hätte eine „Anspruchshaltung“, Gatekeeper zu bleiben, kann ich aus verschiedenen Gründen nur den Kopf schütteln:
    Erstens sind alle Schleusen längst offen, zweitens machen Blogger (ob Makro- oder Mikroblogger) auch nichts anderes als Informationen zu selektieren, sie sind also viel strengere Gatekeeper als wir. Drittens war der Gatekeeper schon immer die falsche Metapher: Ich stelle mir diesen Schleusenwart wie einen Türsteher vor, der die übelsten Figuren abwimmelt, aber nur diejenigen zu Gesicht bekommt, die aktiv Einlass begehren. Das Bild passt also vielleicht noch auf den Fachzeitschriften- oder Reiseredakteur, der die dümmsten PR-Waschzettel in die Tonne haut, nicht aber auf einen Redakteur, der Leser neugierig machen will.

    Wenn ich meinen (respektive unseren) Beruf nicht für gänzlich überflüssig erklären will, brauche ich eine Vorstellung davon, welche Rolle Journalisten in einer vernetzten Welt sinnvollerweise spielen können. Und das kann ja nur heißen: Pfadfinder in der Informationsflut, der gewichtet, einordnet, Rosinen pickt. Einer, der als Dienstleister für sein Publikum den Relevanzradar einschaltet. So wie der Delikatessenhändler die leckersten Produkte auswählt, die der Markt hergibt, damit der Feinschmecker nicht in 20 Läden einkaufen muss, so müssen Redaktionen die besten, kompetentesten, glaubwürdigsten Quellen nutzen und dem Leser oder Zuschauer servieren. Ich wüsste nicht, was daran schlecht sein sollte, wenn es für diesen Service, der unserer Kundschaft Zeit und Arbeit spart, Profis gibt.

    „Paralleluniversum“: Ich kann Ihnen da nicht ganz folgen, außer dass es wohl polemisch gemeint ist.

    „wobei ich noch nicht einmal mit dem Datenschutz beginnen würde, sondern mit Nutzungsrechten“

    D’accord, das Fass wollte ich nicht auch noch aufmachen.

    „…Teilnehmer im Netz gerne auf kritische Berichte dieser Art anspringen, nur um als nächstes wieder ihre Paybackkarten rauszuholen und für mehr Daten für die Werbeverwertung sorgen als Twitter es jemals bekommen wird.“

    Das ist IMHO nicht durch Recherche gedeckt (ich meine Payback; was bei Twitter sein wird, kann man ja überhaupt noch nicht abschätzen). Falls doch, würde ich es gerne mal konkret lesen, mit Belegen.

    Mein Eindruck ist: Immer wenn es darum geht, staatliche Datensammelwut zu relativieren oder angebliche Inkonsequenz der User beim Datenschutz zu rüffeln, bekommt Payback eins drüber. Kann man ja einfach mal so behaupten.
    Warum nicht z.B. Happy Digits von der Telekom oder die Deutschlandcard von Edeka? Warum nennt so gut wie nie jemand Amazon als Datenkraken, die nachweislich sehr viel über ihre Kunden wissen und das auch unverblümt nutzen? Kundenbindungsprogramme sind, auch wenn sie von Dienstleistern gemanagt werden, etwas grundsätzlich anderes als euphemistisch so genannte Social Media, deren einzige plausible Umsatzquelle der Verkauf von exzessiv gesammelten Daten an unbekannte Geschäftspartner ist. Bei Payback & Co. legen die beteiligten Firmen sogar großen Wert darauf, dass die Daten nicht bei der Konkurrenz landen (und die Werbung der Partnerfirmen lässt gerade nicht darauf schließen, dass ausgewertet würde, wer was kauft). Payback erfährt auch gar nicht, was ich bei DM oder im Kaufhof gekauft habe. Das weiß allenfalls der jeweilige Händler selbst. Dazu braucht er aber keine Payback-Karte; es reicht völlig, wenn ich mit Plastikgeld bezahle.

    „aus meiner Erfahrung der letzten fast 20 Jahre im Onlineumfeld sage ich: das bleibt.“

    Tja, und ich sage aus meiner Erfahrung, die bis in die Zeiten des Btx-Feldversuchs zurückreicht: Es mag, wie so vieles, seine Nische finden.

    „vergleichbar im Jahre 2002 mit der Aussage “das Internet geht nicht weg, beschäftige Dich damit als Medienprofi!”.“

    2002 ? ROFL !

    Wenn wir über den Wandel der Medien im Online-Zeitalter reden und über Versäumnisse von Medienprofis, dann reden wir über 1994, über Europe Online als Burdas und Schwarz-Schillings Antwort auf AOL, über Fehler bei Compuserve, Prodigy sowie der Bundespost und ihrer Medienpartner wie Springer bei Datex-J/Btx. Und darüber, dass viele Kollegen angesichts der meist unsäglichen Gehversuche der Großverlage das Potenzial des WWW krass unterschätzt haben.

    „In der Vergangenheit verharren und auf die Rückkehr der guten alten Zeit hoffen und bauen?“

    Nein, so naiv ist natürlich niemand mehr, und Spaß macht es sicherlich auch nicht. Nur: Wenn Twitter die Zukunft ist, dann gute Nacht!

  21. @Ulf J. Froitzheim
    Wow, so viele Worte, schon zum zweiten Mal, und ich weiß immer noch nicht, was Sie an Twitter eigentlich auszusetzen haben. Twitter IST kein Journalismus, aber Twitter ist richtig genutzt ein sehr nützliches Tool für guten Journalismus. Wenn ich den richtigen Leuten folge, kann ich Minutenschnelle kollektiven Sachverstand anzapfen – ich sollte natürlich auch was zurückgeben. Das funktioniert auch deshalb gut, weil es bei Twitter (noch?) viel weniger Trolle und Haarspalter gibt, als auf so manchen Foren wie Jonet oder radioforen.de. Es ist wie anregender Flurfunk, in den man sich ein- und ausklinken kann. Der Sinn von Twitter erschließt sich übrigens nur, wenn man selbst aktiv mitmacht, und nicht, wenn man nur von außen reinschaut.

  22. @ Ulrike Langer
    „Wow, so viele Worte“

    Sorry, bin halt kein Newsmensch oder DPAler.😉

    „ich weiß immer noch nicht, was Sie an Twitter eigentlich auszusetzen haben.“

    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, tut es mir leid. Mir ging es um die unkritische Haltung vieler Kollegen gegenüber der Firma Twitter und um das Dogma, Twittern sei für Medienleute ein absolutes Must.

    „…sehr nützliches Tool für guten Journalismus. Wenn ich den richtigen Leuten folge, kann ich Minutenschnelle kollektiven Sachverstand anzapfen…“

    Das kommt vermutlich sehr auf die Themen an, über die man schreibt. In „meinen“ Bereichen habe ich noch nicht entdecken können, dass die „richtigen“ Leute twittern würden. Wer sich momentan sehr stark dafür interessiert, sind PR-Leute und Spin Doctors. Also nicht direkt die Leute, auf deren Aussagen ich scharf wäre.

    „weil es bei Twitter (noch?) viel weniger Trolle und Haarspalter gibt, als auf so manchen Foren wie Jonet oder radioforen.de“

    Meine These: Wenn sich Tw. nur halbwegs so entwickelt, wie die Fans behaupten, wird es zum Troll-Magneten werden.

    „Der Sinn von Twitter erschließt sich übrigens nur, wenn man selbst aktiv mitmacht, und nicht, wenn man nur von außen reinschaut.“

    Das ist genau die Sorte Argument, die in mir unweigerlich Assoziationen zu Sektenpredigern und zu Suchtmittelverkäufern weckt: Man muss das Zeugs inhalieren, um zu erkennen, wie toll es ist… 😉

    Im Ernst: Twitter wird bejubelt, als sei es 2.0, Grassroots oder Open Domain. Alles drei ist es aber nicht. Der Content generierende User ist nicht das Subjekt, für das er sich halten soll, sondern Objekt. Twitter gehört in die gleiche Business-Kategorie wie HoltzbrinckVZ, Pro7-Lokalisten, Bild-Leserreporter, Donaukurier-Partyknipser – oder auch T-Mobile, Arvato & Co.
    Deshalb gebührt der Firma kritische Distanz, aber nun wirklich nicht kostenlose Propaganda.

    Wer das jetzt für übertriebene Kritikasterei meinerseits hält, kann gerne mal bei Turi nachlesen, welche Geschäftsideen für Twitter in manchen Gehirnen wabern:

    http://update2.blog.de/2009/02/13/geschaeftsmodelle-twitter-endlich-geld-verdienen-5565337/

  23. Interessant geworden, die Diskussion hier😉

    Ich gehöre nun nicht mehr zu den Verweigerern, und habe mir auch einen Twitter-Account registriert und schaue derzeit gerade rein. Das Argument gegen die Meinungsführer oder Multiplikatoren-These hat Ulf J. Froitzheim nochmal gut formuliert finde ich, so hätte ich es auch sagen wollen.

    Ich glaube auch bislang nicht, dass sich durch die aktive Teilnahme bei Twitter etwas daran ändern, dass ich es unter diesem Gesichtspunkt für Quatsch halte (aber abwarten). Es ist aber auf jeden Fall schonmal sehr unterhaltsam was dort geschieht.

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