Preis für doppelten Standard im Hörfunkjournalismus?

Nur drei Tage nach den Medium Magazin ”Journalisten des Jahres 2008″ werden am 19. Januar in Berlin erneut die ”Journalisten des Jahres 2008″ prämiert. Und zwar mit dem ”Goldenen Prometheus“ des Online-Journalisten-Magazins V.i.S.d.P. aus dem Berliner Helios Verlag. Sieht man sich dort auf der Liste der nominierten Preisträger die Kategorie Hörfunk an, so stößt man auf einen Widerspruch. Sandra Müller, Udo Seiwert-Fauti und Max Foerster sind nominiert. Als preiswürdig gilt der Jury ihr resolutes Eintreten gegen Hörfunk-PR:

Vor anderthalb Jahren gegründet haben sich bei fair-radio.net zahlreiche Radiomoderatoren und Journalisten von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zusammengetan, um auf Missstände und den um sich greifenden Hörerbetrug im Radio aufmerksam zu machen. Dank Müller, Seiwert-Fauti und Foerster gibt es nun sogar ethische Leitsätze für ein glaubwürdiges Qualitätsradio, fernab der Hörerabzocke.

Nun kann man  ja durchaus auf dem Standpunkt stehen, dass ein Radiosender auch PR-Beiträge ausstrahlen kann, wenn er dies dem Hörer klarmacht, und dass ein Journalist Radiosendern auch PR-Beiträge anbieten kann, wenn er die beiden Bereiche sauber trennt. Doch die Initiative fair.radio.net vertritt ähnlich wie das ”Netzwerk Recherche“ (”Journalisten machen keine PR“) eine rigidere Haltung, die sie in Ihrem ”Tutzinger Ethik Appell – für ein glaubwürdiges Radio“ an vielen Stellen deutlich gemacht hat:

Vorsicht vor der Bequemlichkeit!  Warum Radiomacher sich vor vorgefertigten Interviews und Beiträgen hüten sollten

Viele Radiosender sind Dauerwerbesender.
Sie berichten nicht mehr.
Sie informieren nicht mehr.
Und ihre Beiträge werden nicht mehr von Journalisten gemacht.
Die Beiträge werden stattdessen kostenfrei übernommen .

Wir appellieren vor allem an die Radiokollegen, solchen Angeboten kritisch zu begegnen und möglichst auf sie zu verzichten beziehungsweise, sie in jedem Fall für die Hörer transparent zu machen.

Komplette Beiträge, die von Unternehmen bezahlt wurden, müssen tabu sein. Sie sind ja quasi vertonte Pressemitteilungen.

Seltsam bloß, dass dann in der Aufzählung von ”Agenturen (z.B. Schlenker PR mit den Plattformen podfm und radioboerse, audioetage, …), die sich für diese Beiträge wiederum von Unternehmen und Verbänden bezahlen lassen“ eine Agentur fehlt: Nämlich die Firma“ Maxmedien“ des nominierten Max Foerster. Denn der ist nicht nur Radiojournalist, sondern bietet Unternehmen unter dem Stichwort Audioproduktion diese Dienstleistung an:

Eine weitere Lösung sind Audio-Presskits.
Hierbei handelt es sich um eine für den Hörfunk gefertigte Presse-CD.
Der Vorteil: Radiostationen haben keinen Produktionsaufwand, sondern können die redaktionellen Beiträge bzw. Interviews kostenfrei ausstrahlen.

bild-1

Hier wird also jemand für preiswürdig befunden, der aus dem Glashaus heraus mit Steinen wirft. Was hat sich die Jury des ”Goldenen Prometheus“ wohl dabei gedacht?

P.S. Stefan Niggemeier berichtet heute über den ”Horizont“-Award ”Medienfrau des Jahres“ an Anke Schäferkordt. Die RTL-Chefin, sagt RTL, habe zwar an ihrer eigenen Wahl nicht teilgenommen, sitzt aber regulär in der Jury.

Nachtrag am 23. Dezember:

Da mir inzwischen vorgeworfen wurde, ich hätte diesen Blogeintrag unter Umgehung eines Hinweises auf meine Mitgliedschaft in der MediumMagazin Jury ”Journalist des Jahres“ geschrieben, hier nochmal deutlicher  folgende Hinweise:

1. Ich bin Jury-Mitglied des MediumMagazin-Preises ”Journalist des Jahres“. Das ging auch vorher schon aus meiner ganz oben verlinkten Meldung ”MediumMagazin wählt Journalisten des Jahres“ hervor.

2. Das MediumMagazin hat mit diesem Blogeintrag nichts zu tun. Ich habe diesen Eintrag als freie Journalistin geschrieben auf Grundlage frei im Internet zugänglicher Quellen.

Nachtrag vom 20. Januar 2009:

Fair Radio hat den ”Goldenen Prometheus“ nicht bekommen. Radiojournalistin des Jahres wurde
Anke Leweke von Deutschlandfunk und Radio Eins für ihre Kinokritiken.

8 Antworten zu “Preis für doppelten Standard im Hörfunkjournalismus?

  1. Alles total normal! Demnächst macht die Bundesdrogenbeauftrage auch Werbung für Camel!

  2. Ohnehin werden Journalistenpreisverleihungen gerade massiv überstrapaziert. Gefühlt wird jeden Tag irgendwo in Deutschland eine Preissau durchs mediale Dorf getrieben. Sei es für die beste Salami-Berichterstattung (ausgelobt vom Fleischereifachverband) oder für den besten Kommentar zur Lage der Gummibandproduktion in Gelsenkirchen Buer. Herrlich! Vielleicht sollte man einmal die absurdesten Preise vorstellen!?

  3. Die beste Salami-Berichterstattung? Ist das Dein Ernst? LOL

  4. Okay, ich gestehe: Es ist ein Fantasie-Preis. Aber vielleicht sollte man mal einen Preis für die beste Salami-Berichterstattung ausloben…

  5. uuuuups, da hat „Max Medien“ doch mal ganz schnell den Text auf einer Seite geändert!
    😉

  6. Stimmt, der Link führt jetzt zur geänderten Seite. Aber die ursprüngliche Version ist auf dem Screenshot zu sehen.

  7. Pingback: Stellungnahme von Max Foerster « Medial & Digital - Der Blog rund um digitale Medien und digitales Marketing

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