Archiv der Kategorie: Zeitungszukunft

Verlage und die Ethik des Verlinkens

Ich habe einen Beitrag für Carta geschrieben:

Verlage sollten begreifen, dass ein Internet ohne Verlinkungen kein Netz ist, sondern eine Anhäufung von abgeschotteten Inhalten, die keiner findet und keiner beachtet.

Wenn Tim Berners-Lee das World Wide Web mit typischem Verlagsdenken ersonnen hätte, dann gäbe es heute kein weltumspannendes Netz, das Webseiten und ihre Inhalte miteinander verknüpft und Weltwissen auf unendlich vielen Pfaden verfügbar macht. Es gäbe bloß Anhäufungen von großen und kleinen und mehr oder weniger autarken Inseln mit Inhalten. Aber keine Möglichkeit, von einer Insel auf die andere zu gelangen und dabei Neues zu entdecken…

Um den ganzen Beitrag zu lesen, bitte hier klicken.

The Daily Show besucht die New York Times: “Tell me one thing in here that happened today.”

Jason Jones von der ”Daily Show” besucht die Redaktionsräume der New York Times und führt ein sehr lustiges, weil vollkommen respektloses Interview mit Chefredakteur Bill Keller. Der ist baff und lässt sich vorführen. Auf die Frage: “Tell me one thing in here that happened today”, (Jones zeigt auf die tagesfrische Ausgabe) hätte er diese Antwort geben können: ”Nothing. But there are lots of well researched stories in here that are relevant today.”

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
End Times
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Newt Gingrich Unedited Interview

Falls der Videoplayer nicht korrekt angezeigt wird, auf ”End Times” klicken.

via Jeff Jarvis

Jeff Jarvis: Journalisten sollten neugierig auf neue Technologien sein

(switch to the English version) Auf der next09 in Hamburg habe ich ein Interview mit Jeff Jarvis über die Chancen des Medienwandels in den USA und in Deutschland geführt. Das Interview erscheint  jetzt auf diesem Blog als zeitgleiches Pendant zu meinem Jeff Jarvis Portrait im neuen mediummagazin (Zugriff auf das Portrait derzeit nur für Abonnenten, frei online mit Erscheinen der nachfolgenden Ausgabe).

JeffJarvis3Ihr neues Buch trägt den Titel „Was würde Google tun“? Medienhäuser sollen diesen Titel als Ratschlag auffassen, so zu werden wie Google. Aber sollte der Rat nicht besser lauten: Was kann Google nicht tun? Was können Medien besser machen als Google?

Jeff Jarvis: Das ist interessant. Die Antwort lautet Ja und Nein. Ja, weil es auch andere  Möglichkeiten gibt. Und Nein, weil Google schon eine Plattform ist, auf der wir aufsetzen können, ohne eine eigene Plattform bauen zu müssen. Google bietet uns die Möglichkeit, neue Unternehmen zu gründen, Kunden zu gewinnen, von diesen Kunden gefunden zu werden, neue Technologien zu nutzen. Das ist das Geheimnis des Web 2.0. Wir können neue Unternehmen mit sehr wenig Startkapital gründen. Aber nun zu Ihrem zweiten Punkt. Sie haben recht: Wir sollten Ausschau halten nach Bereichen, in denen Google einfach nicht gut ist oder eine Lücke offen gelassen hat. Die Verlagsindustrie ist wütend über die Google Buchsuche, aber sie hätten sie selbst starten sollen. Sie hätten rechtzeitig auf dem Markt sein müssen mit ihrer eigenen Online-Buchsuche. Die Medienindustrie ist sauer auf Google, weil die Suchmaschine einen Riesenumsatz mit Werbung macht. Nun ja, Google bietet halt Unternehmen einen effizienteren Werbekanal. Die Medienunternehmen hätten diesen Weg auch beschreiten können. Aber wo ist Google noch nicht König? Ich glaube, es gibt ein paar Bereiche. Einer ist das Live-Web.

Aber diese Lücke hat auch kein Medienunternehmen gefüllt, sondern ein kleines Start-Up namens Twitter…

Genau, ein schneller Dienst namens Twitter tauchte auf. Twitter ist nicht perfekt, zeigt aber die riesigen Möglichkeiten auf, die in Live-Netzverbindungen stecken, und darin, zu lernen, was Menschen live sagen. Das hat gerade erst begonnen und ist noch weitgehend unerschlossenes Terrain. Ein anderer Sektor ist das Lokale. Google beginnt gerade, lokale und sublokale Werbekunden für Onlinewerbung anzusprechen. Sie tun das für Google Maps und für das mobile Netz. Google-Chef Eric Schmidt sagt, dass sie künftig mehr Umsatz im mobilen als im klassischen Web erzielen werden. Ein weitere Chance sind Menschen. Google organisiert unsere gesamten Informationen, aber wer organisiert unsere Beziehungen? Google und Facebook stehen dabei im Wettbewerb. Und der ist noch nicht entschieden. Und dann gibt es ja noch das ”deep web“ mit den Informationen in Datenbanken, die über Suchmaschinen nicht gefunden werden können. Wie können wir das sinnvoll organisieren? Es gibt also jede Menge Herausforderungen für die Zukunft. Die sollten wir ins Auge fassen, statt immer nur zurück zu schauen.

Viele Verlage und Zeitungsjournalisten sehen aber weniger die Vorteile der Linkökonomie als die Nachteile: Google schöpft Profite von Printmedien ab. Verstehen Sie Ihre Sorgen?

Ja, aber diese Kritiker verstehen die Linkökonomie nicht. Der Wandel von der Inhalteökonomie zur Linkökonomie ist die Ursache dieses Krieges. Bisher ging es darum, die Inhalte zu besitzen und so oft möglich zu monetarisieren. Dieses Prinzip wird im Internet zerstört. Jetzt braucht man jeweils nur noch eine einzige Kopie. Es sind die Links zu dieser Kopie, die ihren Wert steigern. Die Linkökonomie bedingt drei Imperative. Der erste ist: Inhalte im Netz müssen offen zugänglich sein, damit sie viel verlinkt werden…

…Medienunternehmen würden das wahrscheinlich leichter verstehen, wenn sie die Links, die sie bekommen, besser monetarisieren könnten.

JeffJarvis2Das ist der zweite Imperativ. Wer die Links bekommt, muss Wege finden, damit Umsätze zu erzielen. Der dritte Imperativ ist: die Linkökonomie bedingt Spezialisierung, nicht mehr vom Gleichen. Medienplattformen müssen sich von der Masse abheben, einzigartige Inhalte bieten, und die müssen außerordentlich gut sein. Dann können sie Spitzenreiter auf ihren jeweiligen Gebieten werden. Das Blog Techcrunch ist dafür ein gutes Beispiel: Sie beherrschen praktisch die Inhaltskategorie Web 2.0. Und die machen außerordentlich gute Umsätze. Aber die Annahme, dass Umsätze im Web auf den gleichen Wegen wie in Print zu erzielen sind, ist falsch.

Was ist daran falsch?

Wir setzen im Netz immer noch auf die alten Werbemodelle, die auf knappen Verfügbarkeiten von Werbeplätzen beruhen. Nur eine gewisse Menge Banner, nur eine gewisse Menge Seitenaufrufe, nur so und so viel Aufmerksamkeit. Google macht das ganz anders und verkauft Performance, also Leistung. Google sagt, nur wenn der Werbekunde erfolgreich ist, sind wir erfolgreich. Der vierte Imperativ lautet: Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest. Die Linkökomomie schafft Effizienz. Wir neigen dazu, die Erlöse der Vergangenheit zum Maßstab zu nehmen und sie im Internet duplizieren zu wollen. Aber im Internet gibt es viel mehr Wettbewerb. Medienunternehmen sollten deshalb Google als eine Plattform betrachten, die es ihnen ermöglicht, das zu tun, was sie am besten können. Spezialisieren, Nischenmärkte entdecken, nicht jedem alles verkaufen wollen. Das macht die Unternehmen viel schlanker, preiswerter und gewinnbringender.

Sie haben an der CUNY Graduate School of Journalism ein Projekt gestartet, um erforschen, welche neuen Verlagsgeschäftsmodelle im Google-Zeitalter funktionieren könnten. Was glauben Sie denn nach den ersten Erkenntnissen, was funktionieren könnte?

Wir haben schon einige Dinge herausgefunden. Ein Medienhaus der Zukunft wird kleiner sein und Journalismus vor allem organisieren. Die Rolle von Journalisten wird sich wandeln. Journalisten werden vor allem Kuratoren, Aggregatoren und Journalismus-Lehrer sein. Wir haben untersucht, was passieren kann, wenn eine Zeitung in einer großen Stadt wie Philadelphia stirbt. Das Ergebnis war: Journalismus kann weiterleben. Wo vorher 300 Journalisten beschäftigt waren, geht es rein online-basiert auch mit 35. Aber diese 35 arbeiten mit einem Netzwerk von 3000 Bloggern und Bürgerjournalisten. Wir werden solche Netzwerke entstehen sehen.

Werden diese effizienteren Strukturen auch dafür sorgen, dass Anzeigen wieder attraktiver werden?

Jeff Jarvis5Ich glaube, dass wir ganz neue lokale Ebenen der Werbung sehen werden. Es werden völlig neue Kundengruppen im Netz werben, die niemals in einer Zeitung geworben haben, weil das für sie im Maßstab zu groß und ineffizient war. Wir müssen aber herausfinden, mit welchen Angeboten wir ihnen dienen können. Ihnen zu dienen bedeutet wahrscheinlich, ihnen helfen, bei Google gut abzuschneiden, ihre Kundenbeziehungen aufzubauen und vieles mehr in diese Richtung. Ich glaube, auch die Anzeigenverkäufe werden künftig kollaborativer werden. Eine Inhouse-Unternehmensabteilung wird nicht reichen für den riesigen Teil der Netzbevölkerung, der als Werbekunden in Frage kommt. Es wird Bürger-Anzeigenverkäufer geben.

Was ist mit Bezahl-Modellen für Inhalte? Warum sind Sie so skeptisch, dass sie funktionieren werden?

Ich bin nicht gegen Paid Content. Genauso wenig bin ich gegen gedruckte Zeitungen. Beides wird mir immer vorgeworfen. Das Wall Street Journal als Online-Abomodell, ist eine Ausnahme. Das sind Unternehmensabos, keine Privatnutzer-Abos. Ich glaube, dass Medienunternehmen mehr Geld verdienen können, wenn sie sich das Internet zunutze machen. Diese Lehre hat die New York Times gelernt, als sie die Bezahlschranke vor ihrem Internetangebot wieder geöffnet hat. Mehr Leute sind auf die Website gekommen. Ihre Zugriffe, ihr ”Google juice“ und ihre Umsätze sind gestiegen. In seinem Buch „Here Comes Everybody“ argumentiert Clay Shirky – und ich stimme ihm zu – dass wir alle Druckmaschinen bekommen haben, als das Internet erfunden wurde. Der Wert, eine echte Druckmaschine zu besitzen, ist auf Null geschrumpft. Schlimmer noch, Druckmaschinen sind nur noch ein Kostenfaktor. Wir können also nicht alte Geschäftsmodelle in die digitale Welt übertragen mit dem Argument: ”Die Leute haben früher für Informationen bezahlt, also sollten sie das auch künftig tun.“ Es gibt kein Geschäftsmodell, das auf dem Wort ”sollte“ basiert. Es gibt im Internetzeitalter niemanden mehr, der die einzige Druckerpresse besitzt. Es wird deshalb immer jemanden geben, der die Preise für Information unterbietet. Und wer glaubt, ein Geschäftsmodell auf der  knappen Verfügkeit von Informationsquellen begründen zu können, der irrt sich – die sind nicht mehr knapp. Selbst exklusive Nachrichten werden nach ihrer Veröffentlichung zu Nachrichten, die sich herumsprechen, und somit ein Allerweltsgut. Einmal in die Welt gesetzt, gibt es keine Exklusivität mehr. Manche sagen, ”Ja, aber für Musik bei iTunes zahlen die Leute doch auch.“ Da gibt es einen großen Unterschied. Die Leute zahlen für Billy Joel. Wenn ich sänge, würde niemand dafür zahlen.

Wie beurteilen Sie die Plattform Spot.Us in San Francisco? Journalisten fangen mit einer investigativen Recherche erst an, wenn sie durch Spenden vorfinanziert wurde.

David Cohn ist großartig. Sein Spot.Us ist ein Weg, wie die Öffentlichkeit Journalismus unterstützen kann. Die Plattform kann aber die Aufgabe von Zeitungen nicht übernehmen.

Auf welcher Ebene funktioniert solch ein Modell am besten? Lokal, sublokal, regional?

JeffJarvis1Auf dieser individuellen Ebene am besten lokal und sublokal. In den USA haben wir allerdings schon eine Tradition, dass unser National Public Radio durch Spenden von Einzelpersonen und Unternehmen finanziert wird. Das gibt es so nicht in Europa. Bei Spenden- statt Steuer- oder Gebührenfinanzierung entscheide ich, wo mein Geld hingehen soll. Das ist ein kraftvolles Modell, vor allem in den USA mit ihrem ausgeprägten Spendenreflex. Wenn man untersuchen würden, welcher Anteil der Gesamtkosten von Medien heute in investigative Recherchen fließt, wäre der Anteil wahrscheinlich winzig. Ich sage das nicht als Beleidigung. Ich sage das, weil ich mir vorstellen kann, dass die öffentliche Unterstützung durch Spenden investigativen Journalismus wahrscheinlich auf dem gleichen Niveau wie heute halten kann. Ich glaube, der Anteil kann sogar noch steigen, weil es im Internet effizientere Wege der Recherche gibt.

Sie sagen den Medien, es sei sinnlos, Nutzer auf die Zeitungs-Homepage zu zwingen, viel erfolgversprechender sei ”Frei-Haus-Lieferung“ auf die Webseiten, auf denen sich die Nutzer am liebsten aufhalten. Wo funktioniert das schon?

Wir sehen das heute bei RSS-Feeds, bei Videos, die man auf anderen Webseiten einbetten kann und bei Twitter. Das jüngste Beispiel ist der Guardian, der seinen Inhalte über eine Schnittstelle (API) frei verfügbar macht. National Public Radio hatte zeitweise eine Schnittstelle und in gewissem Maße haben das auch die New York Times und die BBC. Aber die Frage lautet dann schnell: Wie kann man damit Geld verdienen? Der Guardian stellt drei Bedingungen für die Nutzung seiner Schnittstelle. 1. Die Marke Guardian muss benutzt werden. 2. Nutzer müssen dem Werbenetzwerk des Guardian beitreten, aber sie können dort auch selbst Werbung vermarkten. 3. Die Inhalte müssen alle 24 Stunden erneuert werden, wegen möglicher Verleumdungsklagen nach britischem Recht. Wenn der Guardian Inhalte korrigieren muss, und die unkorrigierte Version über die APIs mit Hilfe des Guardian da draußen im Netz bleibt, dann bekäme er rechtliche Probleme. Das Wichtige bei all dem ist: Der Guardian wollte sich mit dem Internet verweben und hat die Stärken einer offenen Schnittstelle genutzt, um das zu erreichen. Das ist ein mutiger Anfang.

Kennen Sie auch ein deutsches Beispiel? Vielleicht Burdas deutscher Ableger des Glam-Netzwerkes?

Glam ist ein Netzwerk-Modell, das darauf basiert, dass Glam den einzelnen Mitgliedern hilft, bei der Monetarisierung erfolgreicher zu sein. Ein Beispiel ist aber auch, was Kai Diekmann bei Bild macht.

Sie mögen ihn, weil sie ihn dazu gebracht haben, bei Bild.de eine Flip-Videokamera einzusetzen…

jeffJarvis6Genau, ich liebe diese Geschichte.Kai Diekmann sah die Flip und sah sofort die Möglichkeiten. Er sagte nicht etwa, ”Oh, die gebe ich meinen Redakteuren, damit sie mehr Videos produzieren können.“ Nein, er hat sofort erkannt, dass er damit die Bild-Nutzer mobilisieren kann, Videoinhalte für Bild zu produzieren. Er muss immer noch filtern, um die guten Videos zwischen all dem ganzen Katzencontent zu finden, aber er hat jetzt Zugang zu Inhalten. Das ist ein Weg, den Aufwand der Inhalteproduktion auf viele Schultern zu verteilen. Der Reflex der meisten Chefredakteure in den USA wäre gewesen: ”Super, ein neues Tool für Redakteure, um mehr Inhalte zu produzieren.“ Und die Redakteure hätten dann reflexartig gestöhnt.

Sollen Zeitungen mit Bloggern kooperieren und zum Beispiel Blognetzwerke gründen?

Ja. Ich habe diese Idee schon viele Male in Deutschland vorgebracht, aber bisher bin ich immer gescheitert. Es gibt hierzulande für Zeitungen eine Chance, den neuen Markt der Blogs zu unterstützen, aber auch davon zu profitieren. Das Problem mit Blogs in Deutschland ist: Es gibt nicht genug, um Netzwerke zu schaffen. Die Antwort darauf sollte sein: Wie können wir Nutzer motivieren zu bloggen, weil sowohl die Blogger als auch die klassischen Medien profitieren? Sie können Geschäftsbeziehungen mit Bloggern aufbauen, die für beiden Seiten dienlich sind. Klassische Medien können sich Blogs aussuchen, mit denen sie kooperieren wollen, und nur für diejenigen Werbung verkaufen, die sie gut finden. Das ist ein vernünftiger Weg, in der digitalen Welt zu agieren. Burda nutzt die Kollaboration durch seine Beteiligung am Glam-Netwerk, an Scienceblogs und Sevenload. Das Bild-Modell, wo Nutzer Fotos und Videos einsenden, ist allerdings noch das alte Modell: „Gebt uns Euren Content“. Das neue Modell ist, den Nutzern zu helfen, selbst zu publizieren. Das ist ein Netzwerk. Ich glaube, darin liegt eine Riesenchance und Medienunternehmen sollten sie nutzen. Jemand wird sie nutzen, und vielleicht wird es kein Medienunternehmen sein.

Ist kollaborativer Journalismus für jedes Medium geeignet? Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Publikation wie das Wall Street Journal davon profitieren könnte, es sei denn, sie wollten ihre große Redaktion voller Spezialisten verkleinern.

Es ist nicht für jedes Medium und jede Geschichte geeignet. Es funktioniert aber durchaus auch bei Finanzthemen. Der Guardian hat kürzlich eine Geschichte zusammengestellt mit allen großen Übernahmen auf dem Finanzsektor. Sie hatten selbst weder Zeit noch Ressourcen, alle Daten zusammenzusuchen. Sie haben ihre Leser gefragt und die haben gemeinsam das Feature für den Guardian erstellt. Hier greift die „Ein-Prozent-Regel“ von Wikipedia. Nur ein Prozent der Nutzer von Wikipedia schreiben auch dafür. Wir müssen neue Möglichkeiten erkennen und Konzepte für neue Arten von Journalismus finden, die ohne die kollaborativen Möglichkeiten, die das Internet bietet, niemals möglich gewesen wären. Mein klassisches Beispiel ist der New Yorker Radiosender, der seine Hörer gebeten hat, in den Läden in ihrem Viertel den Preis von Milch, Bier und Salat herauszufinden, so dass er am Ende vergleichen konnte, in welchen Vierteln Wucherpreise verlangt wurden. Innerhalb von 24 Stunden haben 800 Leute mitgemacht. Das hätte kein Reporter leisten können. Da ist eine neue Form der Berichterstattung entstanden. Manche investigativen Geschichten über Skandale werden immer auf klassische Weise entstehen. Aber es gibt neue Arten von „Watchdog“-Geschichten, die nur deshalb entstehen und etwas bewirken können, weil sie kollobarativ zusammengetragen werden.

Sie sind ein 54jähriger Medienveteran, der alle möglichen neuen multimedialen Technologien umarmt. Was sagen Sie ihren skeptischen jüngeren Kollegen, die nicht Blogger, Live-Video-Blogger oder iPhone-App-Nutzer werden wollen?

jeffjarvis7Wenn ich das kann, könnt Ihr das auch. Es ist einfacher, als es aussieht. Das ist ja gerade der Punkt: Es ist so einfach. Ich bin dafür, dass jeder Journalist in jeder Redaktion diese neue Instrumente beherrschen sollte. Dann verstehen Journalisten auch, warum die Welt solche Dinge benutzt. Der Grund ist: Weil es einfach ist. Dann werden diese Tools auch für Journalisten weniger mysteriös. Das ist der beste Dienst, den wir Journalisten erweisen können. Ich lehre meine Dozentenkollegen an der CUNY Graduate School of Journalism den Umgang mit diesen Dingen und das ist erhellend. Sie verstehen danach besser, wie sich die Welt verändert. Ein von Berufs wegen neugieriger Journalist sollte darüber Bescheid wissen. Es ist absolut keine Kunst, eine Flip-Kamera zu nehmen, auf den roten Knopf zu drücken und ein Video aufzunehmen.

Sollte jeder Journalist wirklich ein Alleskönner mit jeder neuer Technik sein?

Nein. Aber jeder sollte die Hilfsmittel soweit beherrschen, dass er zu jeder Zeit eine Geschichte auf die gerade geeignetste Art erzählen kann. Wenn Journalisten Zeuge einer interessanten oder lustigen Szene werden von, sagen wir, Jarvis fällt von der Bühne, dann sollten sie die Szene filmen und live-bloggen können. Das ist dann keine richtige Videoreportage, aber ein zehnsekündiger Bewegtbild-Moment. Man sollte stets bereit sein, neue Werkzeuge einsetzen zu können. Das war genauso, als Computer in die Redaktionen einzogen. 1974, als ich ein junger Autor war, hat das die Art, wie ich geschrieben habe, verändert.

Vielleicht sind Journalisten in den USA tatsächlich neugieriger. In Deutschland betrachten viele Kollegen neue Technologie eher mit Skepsis. Sie glauben, dass sich dadurch der Wert ihrer alten Fähigkeiten vermindert.

Das ist altes Kontrolldenken. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand glauben kann, etwas nicht zu lernen, würde ihn besser dastehen lassen. Das ist so offensichtlich lächerlich. Journalisten sollten per Definition neugierig auf neue Technologie sein. Teil des Problems ist allerdings, dass wir Insider  neue Medien oft wie eine Geheimwissenschaft aussehen lassen. Wir müssen weniger orthodox werden, uns öffnen und andere großzügig an unserem Wissen teilhaben lassen.

Fotos: nextconference, elmine, next09 Flickr photostream

Global Media Forum: 10 Strategien für den Journalismus 2.0

GlobalMediaForumLogo( switch to the English version )Beim diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle gibt es am Donnerstag, 4. Juni, als Special Event das Symposium “Re-Inventing Journalism? Journalistic Training in the Social Media Age”. Dort diskutiere ich auf dem Podium u.a. mit Kevin Anderson (Blog Editor des Guardian) und mit Marcus Bösch von der DW.


Beim Call for Papers habe ich auf englisch “10 Journalistic Strategies for Competing in the Web 2.0″ eingereicht, die ich hier auf Deutsch zur Diskussion stellen möchte. Ich freue mich über gute Anregungen für das Symposium in den Kommentaren!

10 Strategien für den Journalismus 2.0

1. Diskussion ermöglichen

Journalismus 1.0 druckt eine fertige Geschichte oder stellt sie ins Netz. Dann dürfen die Leser in einem abgetrennten Bereich – manchmal, aber nicht immer – kommentieren. Der Autor schaltet sich in der Regel nicht in die Diskussion ein, die Redaktion höchstens, um umpassende Kommentare zu löschen. Journalismus 2.0 ist anders: Ein Beitrag ist nicht in dem Moment fertig, wo er veröffentlicht wird. Autoren sind gefordert, mitzudiskutieren. Nutzerkommentare müssen ein gleichwertiger Teil der Veröffentlichung werden, wobei aus einem Zeitpunkt ein Prozess wird. Außerdem müssen die Kommentare raus aus den Ghettos und prominent neben den dazu gehörigen Beiträgen platziert werden.

Die kanadische Zeitung Toronto Globe & Mail entwickelt sich konsequent in diese Richtung. Communities Redakteur Matthew Ingram schreibt dazu in seinem Blog:

Over the next few weeks and months, we will be adding new community features as well, including forums and groups, which will allow you to have a focused discussion around a specific issue, rather than having to do that through comments on a particular news story. In some cases, we may close comments on a story but open a forum where readers can discuss a contentious issue in a more closely moderated environment.

I am also working hard to convince our writers of the benefits of responding to comments, and interacting with readers. I can assure you that we don’t see comments as simply a “ghetto that will drive page views.” I will say that one of the easiest ways to convince writers that your comments are worth responding to is to say something intelligent (it doesn’t necessarily have to be in agreement).

2. In der Link-Ökonomie müssen journalistische Plattformen öffentlicher Gesprächsstoff sein

Webplattformen von Medienhäusern dürfen sich nicht hinter Bezahlschranken verstecken. Sie müssen sich öffnen, um gefunden zu werden. In der Link-Ökonomie, wie sie der New Yorker Medienprofessor und Autor Jeff Jarvis (”Was würde Google tun?”) beschreibt, sind Medien-Websites um so wertvoller, um so mehr sie mit dem Rest der Onlinewelt vernetzt sind. Isoliert hinter Pay-Walls, hinter denen sie nicht gefunden, nicht verlinkt und nicht weiterempfohlen werden können, verlieren die Inhalte an Wert. Sie sind der öffentlichen Diskussion entzogen. Die New York Times hat das erkannt und hat die Bezahlschranke vor ihrem Angebot ”Times Select” 2007 wieder aufgehoben. Seitdem ist der Traffic auf der NYT-Website um 40 Prozent gestiegen und die erhöhten Werbeeinnahmen haben die Gebührenverluste mehr als wettgemacht.

Die Bedeutung von Links kann gar nicht überschätzt werden: Das Marktforschungsunternehmen Hitwise hat für Großbritannien analysiert, dass zehn Prozent aller Links von Twitter auf Zeitungswebseiten führen. Da Nutzerzahlen von Twitter in Europa noch gering sind, ist das erst 0,3 Prozent des Gesamttraffics. Links von Facebook auf Verlagsseiten machen in GB aber schon 3,3 Prozent des Traffics aus – doppelt soviel wie von Google. (Mehr dazu bei Techfieber).

timeswidget

3. APIs: Journalismus muss dort sein, wo die Nutzer sind

Der Guardian, die New York Times, National Public Radio (USA) und die BBC ermöglichen ihren Nutzern, Inhalte ”mitzunehmen” und auf ihren eigenen Webseiten (oder wo auch immer sie wollen) einzubetten, z.B. in Form von Widgets. Die NYT hat im Februar 2009 eine offene Schnittstelle alias API (Application Programming Interface) angekündigt, mit der alle seit 1981 verfügbaren Beitraäge – über 2,8 Millionen (!) – im Web transportabel sind. Und zwar in Gänze, nicht nur als kurze Zitatschnipsel. Die Schnittstelle enthält 28 verschiedene Suchfelder und aktualisiert stündlich frischen Content. Nutzer können so zum Beispiel ihre Facebook-Website oder ihren Blog zum NYT-Newsticker machen.

Für ReadWriteWeb ist das ein entscheidender Schritt:

This is a big deal. A strong press organ with open data is to the rest of the web what basic newspaper delivery was to otherwise remote communities in another period of history. It’s a transformation moment towards interconnectedness and away from isolation. A quality API could throw the doors wide open to a future where “newspapers” are important again.

What does that mean? It means that sites around the web will be able to add dynamic links to New York Times articles, or excerpts from those articles, to pages on their own sites. The ability to enrich other content with high quality Times supplementary content is a powerful prospect.

4. Journalistische Plattformen sollten multimediale Erzählformen und die Kreativität der Nutzer fördern

GuardianDer Guardian hat die gesamten verfügbaren Daten zum Spesenskandal der britischen Unterhaus-Abgeordneten (Wer hat welche Steuernachlässe in Anspruch genommen? Wer hat sie zurückgezahlt? Wer nicht?) in Tabellenform aufbereitet. Das Erstaunliche daran ist nicht so sehr die ausgezeichnete interaktive Darstellungsform, sondern vielmehr die Offenheit und der kollaborative Charakter des Projekts, der sich in dieser Frage an die Nutzer ausdrückt:

  • Can you do something with this data? Please post us your visualisations and mash-ups below or mail us at datastore@guardian.co.uk

5. Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest

Jahrelang ist Online-Journalisten beigebracht worden, bloß nicht nach draußen zur Konkurrenz zu verlinken. Sie sollten umdenken. Laut Jeff Jarvis gebiert die “Kultur des Verlinkens” nicht weniger als eine “neue Nachrichtenarchitektur”:

This leads to a new Golden Rule of Links in journalism — link unto others’ good stuff as you would have them link unto your good stuff. This emerges from blogging etiquette but is exactly contrary to the old, competitive ways of news organizations: wasting now-precious resources matching competitors’ stories so you could say you’d done it yourself. That must change.

Journalistische Webseiten sollten sich nach Jarvis’s Leitsatz “Do what you do best and link to the rest” auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und diese Kompetenzen auch bei den Wettbewerbern anerkennen. Nutzern, denen Mehrwert in Form von guten Links geboten wird, kehren um so lieber zurück.

Blogs mit ihrer liberalen Verlinkungskultur und dem bereitwilligen Anerkennen anderer guter Blogs in der Blogroll können hier als Vorbilder dienen. Doch auch manche Medien erkennen inzwischen, dass ”Link-Karma” in beide Richtungen wirkt.

Beispiele:

  • ProPublica, eine unabhängige nicht-kommerzielle Redaktion, die seit Juni 2008 Themen des Gemeinwohls investigativ propublicarecherchiert, linkt in ihrer Rubrik ”Breaking on the Web” nach draußen. ProPublica wird von Paul Steiger, (ex Wall Street Journal und Stephen Engelberg (ex The Oregonian und New York Times) geleitet.
  • Die Washington Post linkt ebenfalls freizügig nach draußen, z.B. in ihren Rubriken “Required Reading” und ”Staff Picks”.

6. Multimedial denken

Im Jahr 2009 muss eine Journalistenaus- und weiterbildung zwingend medienübergreifend geschehen. Ausbildungsstätten wie die Axel Springer Akademie gehen hier beispielhaft voran. Doch davon profitieren nur die wenigsten Journalisten. Vor allem Freie müssen sich mittlerweile auch mit 40 oder 50 Jahren in Eigenregie für sie eventuell ganz neue Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, um nicht in einigen Jahren von Aufträgen ausgeschlossen zu bleiben. Printjournalisten müssen lernen, Verlinkungen mit zu denken, Radiojournalisten müssen auch Bilder liefern können und Fotografen müssen auch mit der Videokamera umgehen können.

nytWirklich attraktiver und preiswürdiger Webcontent zeichnet sich oft dadurch aus, dass hier ein Verlag die Printgrenzen überwunden und multimediale Darstellung nicht bloß als zusätzliches schmückendes Beiwerk benutzt, sondern in Qualität investiert.

In diesem Zusammenhang noch einmal drei beispielhaft erstklassige US-Projekte:

7. Die Weisheit der Masse nutzen

Medien und Bildungseinrichtungen sollten nicht nur professionelle Journalisten im Umgang mit Social Media Tools von Blogs bis Twitter schulen, sondern auch Social Media Nutzer, welche diese Techniken schon wie im Schlaf beherrschen, und Interesse an eine Kooperation haben, im Umgang mit journalistischen Gepflogenheiten von A wie Archiv bis Z wie Zitieren. Profi- und Amateur- oder Bürgerjournalisten müssen sich beim ”Crowdsourcing” (die Weisheit der Masse anzapfen) nicht als Konkurrenten begreifen, sondern können konstruktiv zusammenarbeiten. Journalisten haben in dieser Konstellation vor allem die Aufgabe, Dialoge zu moderieren und Recherchen zu begleiten.

Kollaborativer Journalismus per Crowdsourcing hat ein riesiges, bisher noch weitgehend ungenutztes Potenzial. Laut eMarketer haben allein in den USA mehr als 82 Millionen Menschen eigene Inhalte ins Netz gestellt, davon 21 Millionen auf Blogs – und sind somit im weitesten Sinne als Medienschaffende zu bezeichnen. Bis 2013 soll ihre Zahl auf 115 Millionen anwachsen.

Beispiele für die Nutzung von Crowdsourcing:

  • Help Me Investigate (im privaten Beta-Stadium) ist eine britische Plattform für investigatives Crowdsourcing. Die Rechercheanstösse kommen von Nutzern, die über die Plattform Gleichgesinnte für eine Recherche finden können, z.B: “Wieviel Geld verdient mein Krankenhaus mit Parkgebühren?” Die Mittel stammen teilweise aus dem digitalen Innovationsprojekt 4ip des Privatsenders Channel 4. Weitere Infos beim Online Journalism Blog
  • Chicago Now (frühes Beta-Stadium) aggregiert Recherchen und Stories von Journalisten, Bloggern und engagierten Bürgern und vergleicht sich selbst in einem Promotion-Video mit einer ”Mischung aus Huffington Post und Facebook für Chicago. Dahinter steckt die Chicago Tribune.
  • Buzzriders.com ist ein lokales Nachrichtenprojekt des Bloggers Robert Basic (ehemals Basic Thinking). Basic nennt das Projekt “eine Mischung aus Twitter, Blogs, Craigslist und Social Networks”, bei dem die Nutzer ebenso das Sagen haben sollen wie professionelle Jounrnalisten. Momentan befindet sich der Initiator auf Einführungstour, um das Projekt interessierten Gemeinden und lokale Gruppierungen vorzustellen. Nähere Infos im Interview mit Yeebase.
  • MyHeimat.de Ein kollaboratives lokal Nachrichtenprojekt, das vor allem in kleineren Städten aktiv ist. Manchmal etwas PR-lastig. Partnerpubikationen sind unter anderem die Augsburger Allgemeine, Hannoversche Allgemeine, Neue Presse und die Oberhessische Presse.

8. Hyperlokal denken

Crowdsourcing bietet die Chance, Journalismus auf kleinste lokale Einheiten herunterzubrechen und somit über das zu berichten, was die Nutzer in ihren Stadtvierteln oder Dörfern interessiert.

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Beispiele:

  • Are you being gouged? Der Yorker Radiosender WNYC (public radio) rief im Oktober 2007 in einem von mehreren interaktiven ”crowdsourcing experiments” seine Hörer dazu auf, den Preis für eine Tüte Milch, ein Sixpack Bier und einen Salat in ihrem Laden um die Ecke zu ermitteln und kam so innerhalb von 24 Stunden auf 800 Einträge für eine interaktive Preisübersicht als Karte – ein Rechercheaufwand, den die Handvoll Journalisten des Senders niemals hätten leisten können, 800 interessierte Bürger aber ohne weiteres.
  • Everyblock – ein Projekt finanziert von der Knight Foundation
  • Placeblogger – eine lokale Blog-Aggregations-Site.
  • Redaktion im Internetcafé – ein tschechisches Projekt auf lokaler Ebene, bei dem jeweils eine Redaktion im Hinterzimmer von Internetcafés arbeitet, was den freien Austausch zwischen Journalisten und Bürger ermöglicht. Das Projekt wir von der Inverstmentgruppe PPF finanziert. Details in der NYT.

9. Spendenfinanzierten Journalismus ermöglichen

SpotusWer bezahlt, sucht auch die Themen aus. Bei Spot.Us , einem Projekt des erst 27 Jahre alten Journalisten David Cohn in San Francisco, bestimmen die Nutzer mit ihren Spenden, für welche Themen und Recherchen sie bereit sind zu zahlen. Erst wenn eine Recherche finanziert ist, ziehen die Reporter los. Wenn klassische Medien die Geschichten anschließend kaufen, bekommen die Finanziers ihr Geld zurück. Cohns Projekt wird derzeit durch ein Stipendium der Knight Foundation finanziert. 23 Geschichten wurden in den ersten sechs Monaten finanziert. Cohn arbeitet eng mit der New Yorker Medienprofessor Jay Rosen und dessen NewAssignment.Net für kollaborativen Journalismus von Profis und Bürgern zusammen. Videointerview Cohn beim DW-Ausbildungblog lab.

10. Neue Technologien umarmen

Jede Tage werden neue Tools und Techniken erfunden, die den Journalismus 2.0 erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. Gerade deutsche Journalisten nutzen sie aber oft nur zögerlich und mit großer Zeitverzögerung.

Beispiele:

  • Online-Recherchen gemeinsam betreiben mit Wikis und netzbasierten Lesezeichen (delicio.us, MisterWong und Co.)
  • Mobile Reporting: Mit dem Handy Videos vor für Live-Berichte direkt auf die Website streamen
  • Video-Interviews mit einfachsten Mitteln in guter Webqualität (Flip-Kamera). Bild verkauft sogar gebrandete Flip-Kameras an seine Leserreporter – inklusive vorinstallierter Upload-Funktion zu Bild.de
  • Google Wave kann neue Maßstäbe beim kollaborativen Arbeiten an journalistischen Projekten setzen. Zum Beispiel könnenGooglewave mehrere Autoren gleichzeitig an Texten und Notizen schreiben. Die ersten Rezensionen habe ich meinen Linktipps zum Wochenstart verlinkt.

In der Grotte verharren hilft dem Journalismus nicht weiter – Antwort auf Miriam Meckel

Wer “In der Grotte der Erinnerung” sitzt, läuft Gefahr, darin zu verharren, anstatt sich mit offenen Augen der Zukunft zuzuwenden. Diesen Fehler begeht Medienprofessorin Miriam Meckel in ihrem Essay in der FAZ. Meckel schreibt:

Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft. […] Das Internet hat dem professionellen Qualitätsjournalismus einen bunten Strauß an publizistischen Aktivitäten an die Seite gestellt, bei dem Amateure zu Autoren werden, die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren.

Mal abgesehen davon, ob “die” Gesellschaft nicht eher durch Fußballübertragungen, ”DSDS” und keineswegs gut recherchierte und erzählte Geschichten in der ”Bild” synchronisiert wird -  wer sagt denn, dass es dem Journalismus zwangläufig schlecht bekommen muss, wenn sich im Netz Profis die publizistische Bühne mit Amateuren teilen? Wenn nun hinterfragt wird, ob Qualitätsjournalismus nicht zum Beispiel auch kollaborativ im Zusammenspiel mit Nutzern entstehen kann? Besteht nicht momentan vielmehr eine Chance, aus erstarrten Medienstrukturen auszubrechen, die keineswegs nur den neuerdings so oft beschworenen Qualitätsjournalismus hervorbringen, sondern auch viel zu viel Mittelmaß und Gleichförmigkeit?

In Miriam Meckels Überlegungen gibt es nur ein Entweder – Oder. Entweder Journalismus finanziert sich auch weiterhin über Medienunternehmen als Mittler, die Werbeplätze und Abos verkaufen, Journalisten bezahlen und damit indirekt Journalismus finanzieren oder der Qualitätsjournalismus verschwindet.

In Ariana Huffingtons Modell eines stiftungsfinanzierten Journalismus sieht Meckel keine Lösung, denn dann würden nur Themenbereiche abgedeckt  für die sich auch Stifter fänden. Andere Modelle erwähnt die Medienprofessorin (bewusst?) gar nicht erst. Damit lässt sie eine ganze Reihe interessanter Experimente, relevanten Journalismus im Netz zu finanzieren, unter den Tisch fallen. Diese Ansätze entstehen aber gerade vor allem in der anglo-amerikanischen Medienlandschaft, die am meisten unter Druck steht, und sie verdienen Beachtung. Eine kleine Auswahl:

  • Der Journalist David Cohn hat in San Francisco die Plattform Spot.Us gegründet. Auch hier werden Spenden gesammelt, aber nicht über eine Stiftung. Bürger können Themen und Recherchen, die ihnen wichtig sind (und die z.B. der oft bräsige San Francisco Chronicle nicht abdeckt), vorfinanzieren. Die Geschichten werden auf der Plattform veröffentlicht. Wenn klassische Medien die Berichte übernehmen, zahlen sie dafür Honorare und die Spender/ Investoren bekommen ihr Geld zurück. Die Anfänge sind vielversprechend. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Modell möglichst bald als tragfähig erweist, denn San Francisco könnte schon bald die erste amerikanische Großstadt ohne eigene Tageszeitung sein.
  • Chicago Now, ein neues Projekt der Chicago Tribune, das im Sommer starten soll, versucht, Journalismus in einer weniger statischen und geschlossenen Form anzubieten. Statt fertige Texte und Videos  ins Netz zu stellen, dienen Themen als Rohstoff, an deren Weiterentwicklung die Community gemeinsam arbeitet.
  • Ein ähnliches Modell betreibt der Schweizer Journalist Jürg Vollmer seit kurzem mit seiner für fünf Jahre von Investoren aus dem Bildungssektor finanzierten Osteuropa-Plattform CEEkom, deren Kern ein ”Social Media Newsroom” ist. Journalisten, Bürger und Experten können an dieser Plattform mitarbeiten. Mehr dazu in meinem Interview mit Vollmer.
  • Die New York Times und der britische Guardian experimentieren mit offenen Schnittstellen. Kerngedanke: Journalismus muss sich davon verabschieden, nur auf geschlossenen Plattformen stattzufinden. Webnutzer sollen interessante Inhalte überall dort mit hinnehmen, einbinden und diskutieren können, wo sie sich bevorzugt aufhalten, z.B. bei Facebook.

Diese unterschiedlichen Ansätze haben eines gemeinsam: Sie stellen die Interessen und Netzgewohnheiten der Nutzer in den Mittelpunkt und ermöglichen, dass etwas radikal Neues entsteht. Dabei wird zugelassen, dass die gängige Auffassung von Journalismus (die Redaktion entscheidet, worüber berichtet wird, der Leser konsumiert die gefilterte Nachrichten- und Themenlage) auf den Kopf gestellt wird. Nutzer entscheiden nun, worüber berichtet, was überhaupt finanziert werden soll. Ihre Expertise, ihr Engagement wird viel ernster genommen und bewirkt viel mehr, als ein Kommentar unter einem fertigen Artikel, den der betreffende Autor im Zweifelsfall nicht einmal liest.

Auch in einem weiteren Punkt greift Frau Meckels Essay viel zu kurz:

Ein Großteil der Inhalte, die in Weblogs und auf Social Networking Sites präsentiert und diskutiert werden, stammen aus der Recherche und Publikation der traditionellen Medien. Ohne deren Angebote wären viele Weblogs inhaltlich eine wüste Ödnis. […] Wie in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der sich alle nur noch gegenseitig die Haare schneiden, bereiten wir am Computer die Informationen der anderen aus dem Netz neu auf, gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen.

Wird nicht eher umgekehrt wird ein Schuh daraus? Ein immer größerer Anteil von Journalismus hat seinen Ursprung in Blogs von Experten und engagierten Bürgern, bevor klassische Medien mit teilweise erheblicher Verzögerung und inhaltlicher Vereinfachung Themen aus dem Netz aufgreifen – zuletzt gut zu beobachten am Beispiel der Netzsperren von Ursula von der Leyen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema abseits von Politikerverlautbarungen findet vor allem im Web statt. Nur wenige Medien, darunter Die Zeit, haben inzwischen mit eigenen guten Texten nachgezogen.

Und nicht zuletzt begeht Miriam Meckel einen weiteren Denkfehler, wenn sie einen Graben zieht zwischen  klassischen Journalisten und neuen Netzpublizisten. Das Internet eröffnet Chancen vor allem für freie Journalisten, ohne Umweg über Verlage und Medienkonzerne als Auftraggeber direkt zu publizieren und ihren Markenwert als Autoren, Referenten, Moderatoren oder Berater zu steigern.

Profi-Journalisten werden nicht plötzlich zu Amateuren, wenn sie ohne einen Auftraggeber im Rücken im Netz publizieren. Ebensowenig wie vor allem die Lokalseiten von Regionalzeitungen mit professionellem Journalismus gefüllt sind, wenn sie von pensionierten Lehrern uind Vereinsprotokollführen vollgeschrieben werden. Und auch unter den nicht-journalistischen Blogs finden sich publizistische Perlen, die wir nie entdeckt hätten, wenn sie nicht im Netz plötzlich eine Stimme bekommen hätten.

All das unterschlägt Frau Meckel völlig. Verlagslobbyisten werden ihren Essay mit Genugtuung lesen, denn er liefert ihnen Futter für ihre Argumentationslinie, sie bräuchten eine Kulturflatrate, Leistungsschutzabgabe oder eine Mehrwertsteuerbefreiung, um auch künftig Qualitätsjournalismus finanzieren zu können. Was sie damit meinen: Um Kompensation für wegbrechende Einnahmen zu haben. Für die spannende und gerade erst beginnende Debatte, ob es für Qualitätsjournalismus im Netz die Mittelsmänner der Medienkonzerne überhaupt noch braucht und wenn ja, in welcher Form und in welchem Ausmaß – dafür liefert Meckels Beitrag keine Anstöße. Dafür empfehle ich diese beiden lesenswerten Texte von Ottfried Jarren bei Carta und Andreas Göldi bei netzwertig.

Jeff Jarvis: US-Medienlandschaft als Frühwarnsystem

Früher hatten Bergleute unter Tage immer einen Käfig mit einem Kanarienvogel dabei – fiel der empfindliche Vogel von der Stange, waren giftige Gase im Stollen und die Bergleute konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Mit einem solchen Frühwarnsystem vergleicht Jeff Jarvis, New Yorker Medienprofessor, Topblogger und Autor (“What would Google do?”) das US-Zeitungssterben in diesem interessanten Interview mit dem freien Journalisten und Café Digital-Herausgeber Dirk Kirchberg auf der next09.

Jarvis stellt drei typische Reaktionen auf den digitalen Medienwandel fest, die ihm immer wieder begegnen:

  • negieren (sinnlos)
  • jammern (unproduktiv)
  • den Wandel bejahen und darin Chancen für Innovation und neue Geschäftsmodelle entdecken (die einzig sinnvolle Reaktion).

”Anstatt sich zu beklagen, dass im Internet verlässliche Informationen so schwer zu finden sind, kann eine die Chance für Zeitungen darin liegen, sie auffindbar zu machen”, sagt Jarvis. Er selbst umarme geradezu den Wandel, das Internet habe ihm sozusagen zu einer zweiten Jugend verholfen.

Für 15 Minuten mit Jeff Jarvis und Dirk Kirchberg ins Video klicken.

via Café Digital

Von Stars und Helden auf der next09

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Jeff Jarvis (Star) im Gespräch mit Martin Oetting (Held) auf der next09 Foto: next09

Wer gilt als Star auf einem großen Kongress? Das ist meistens schon klar, sobald das Programm erscheint. Die großen Vordenker ihrer Zunft bekommen den größten Saal, die attraktivsten Zeiten, sie schmücken die Vorankündigungen und ihre Vorträge heißen ”Keynotes“. Doch die Stars der internationalen Webszene hielten beim Hamburger Webkongress next09  – zumindest in ihren Keynotes – nicht das, was ich mir von ihnen versprochen hatte.

Journalistik-Professor, Blogger und Buchautor Jeff Jarvis zog zwar eine mitreißende Show ab und zog das Publikum mit seiner Energie und seinem Wortwitz in seinen Bann. Seine Thesen finde ich ohnehin sehr logisch und überzeugend. Inhaltlich hatte ich allerdings mehr erwartet als ein hundertprozentige Wiedergabe von Auszügen aus seinem neuen Buch ”What would Google do?“ Die letzten Kapitel daraus hatte ich just in der Bahnfahrt nach Hamburg noch zu Ende gelesen und deshalb kannte ich auch die scheinbar spontanen Anekdoten schon. Die stammen nämlich auch aus dem Buch. Ein großes Highlight war Jarvis für mich dennoch. Erstens, weil er im Interview mit mir die Thesen aus seinem Buch vertieft hat. Und zweitens wegen der gelungenen Diskussion am zweiten Tag mit Umair Haque vom Havas Media Lab. Mehr zu Jarvis demnächst im mediummagazin (Print) und auf diesem Blog.

Umair Haque war allerdings mit seiner Keynote auch so ein Fall. Seine Thesen über die strukturelle Krise traditioneller Marktmodelle und den Mangel an Innovation und Kooperation mit Nutzern sind an sich so profund und radikal, dass daraus ebenfalls ein guter Vortrag hätte werden können. Wurde es aber nicht. Stattdessen klaffte eine gewaltige Schere zwischen Haques völlig überfrachteten webzwonulligen Mindmapping-Folien (Prezi), in denen er viel zu schnell herumklickte, und einer eher gleichförmig dahinplätschernden Rede.

Andrew Keen, der große Skeptiker des Social Web, weiß wiederum, wie man eine eindringliche Rede hält. Rein rhetorisch. Doch er ist ein düsterer Mahner. In innovativen  Formen von Kommunikation und Geschäftsmodellen im Web sieht er bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal das Schlechteste. Bei Jarvis verlässt man den Saal und sieht neue Chancen, bei Keen wird man schon während seines Vortrags depressiv.

Kommen wir nun zu den Helden des Kongresses. Das waren für mich eindeutig Viral Marketing-Berater Martin Oetting von trnd, Sven Markschläger, Digital Marketing Chef bei Jägermeister und Moderator Sascha Lobo im völlig überfüllten Track3-Raum beim Panel „Viral online gegen viral offline“. Angestachelt von Lobo, möglichst knapp und dabei möglichst kontrovers, ungerecht und vereinfachend zu sein, zerlegte Oetting  in wenigen Minuten das typische Marketinggefasel dieser Zeit („Wir müssen jetzt mal was Virales machen“).

Oetting warnt Marketer davor, den Webuser nur als Klickvieh zu betrachten, der lustige YouTube-Clips anklicken und verbreiten soll. Das tun die Nutzer zwar mitunter wie gewünscht, erinnern sich aber oft nicht daran, für was in den Filmchen eigentlich geworben wurde. Oettings Tipp für Marketer: Nutzer im Social Web nicht beschallen, sondern ihnen zuhören. Denn im Netz finden Gespräche statt, so wie offline im Tante-Emma-Laden. ”Viral heißt, den Tante-Emma-Effekt skalieren“, sagt Oetting. Und: „Wer sich heutzutage in der knallharten Wettbewerbsituation traut, mit einem richtig schlechten Produkt in den Markt zu gehen und glaubt, Werbung könnte das Problem lösen, dem ist nicht zu helfen.“

kein-jagermeister
Markschläger ist der strategische Kopf hinter der ”Kein Jägermeister“-Kampagne, die bis vor einem Jahr als eine der besten viralen Kampagnen in Deutschland lief. Allein bei YouTube wurden die sieben Clips der Kampagne mehr als 300.000 Mal abgerufen. Der eigentliche Erfolg bemisst sich allerdings nicht in Klicks, sondern daran, dass Fans hinterher Jägermeister beschworen, das fiktive Produkt nun auch tatsächlich anzubieten. Doch da musste Jägermeister passen, erzählte der Marketingmann. Als Familienunternehmen mit einer Monomarke bringt man nicht mal eben ein Witz-Produkt in den Markt, von dem man nicht weiß, wieviele Viral-Fans das gewollt auf langweilig getrimmte Zeug dann auch tatsächlich kaufen. Wie das alles rüberkam, war kurzweilig und überzeugend und alles andere als eine Marketing-Insider-Diskussion.

Zum Schluss noch ein Dank an die Veranstalter: Es hat Spaß gemacht, war interessant, hochprofessionell organisiert und ganz überwiegend kreisten die Diskussionen nicht selbstreferentiell um die Social-Web-Blase. Ein kurzes Fazit habe ich auch im Thomas Knüwers kleiner Abschluss-Umfrage gezogen. Das Video ist eingebettetet in sein Fazit auf seinem Blog (dem ich vollkommen zustimme). Wenn das jetzt öfters geschieht mit den spontanen Videoumfragen, muss ich mal ein Kameratraining mitmachen :-)