Social Web TV – Fernsehen als virtuelles Community-Erlebnis

Zig Millionen Filmfans in aller Welt werden heute nacht die Verleihung der Oscars live im Fernsehen verfolgen. Das macht natürlich am meisten Spaß in der Gruppe, doch um gemeinsam fern zu sehen, muss man inzwischen nicht mehr auf dem gleichen Sofa im gleichen Raum sitzen. Ein neues Phänomen bildet sich heraus, das ich als ”Social Web TV“ bezeichne. ”Social Web TV“ ist eine Kombination aus klassischem Fernsehen und Social Community: Gleichgesinnte Gruppen finden sich im Web zusammen, um gemeinsam ein Live-Programm zu sehen – unabhängig davon, an welchem Ort sie gerade sind. Und die Gruppenmitglieder tauschen sich anderen darüber aus, was sie gerade sehen.

Social Web TV macht sich bislang als neues Phänomen vor allem bei weltumspannenden und massenbewegenden TV-Ereignissen bemerkbar:

  • Bei Obamas Amtseinführung richtete Facebook in Kooperation mit CNN.com Live-Chatrooms für Facebook-Nutzer ein. Bei Facebook konnten Nutzer einen CNN.com Player auf ihren Facebook-Profilen einbinden und gemeinsam mit ihren Freunden rund um den Globus das Ereignis kommentieren. Laut Mashable gingen durchschnittlich mehr als 4000 Kommentare pro Minute ein. CNN lieferte während der Feier 13.9 Millionen Live Video Streams aus und brach damit bei weitem seinen bisherigen Rekord vom Wahltag (5,3 Millionen Live Streams).facebook1
  • Current TV setzte 15 Redakteure ein, um die Live-Bilder der Präsidenten-Inauguration mit den interessantesten Tweets aus der Twitter-Community zu unterlegen. Ein interessantes Making Of Video dazu hat Scobleizer gedreht.current-twitter-obama1
  • Am 15. Februar kooperierte Facebook mit der NBA – Nutzer konnten einen Livestream des NBA All Star Basketball-Turniers kommentieren.

Und heute nacht zur Oscar-Verleihung wird Facebook gemeinsam mit der HD-Videoplattform Jaman kommentierbares Community-TV einrichten (dazu ebenfalls Mashable). jaman

Auch in Deutschland ermöglichen TV-Sender und Social Communities immer häufiger Social Web TV Erlebnisse – allen voran RTL, MyVideo, MySpace und StudiVZ. Sie alle haben erkannt, dass nichts die Attraktivität einer Webplattform und die Verweildauer auf der Plattform so sehr steigert, wie Bewegtbildcontent mit interaktiven Community-Funktionen. Der gestreamte Content ist allerdings nicht immer live. Beispiele:

  • Zur US-Präsidentenwahl richtete RTL  eine 3D-Community ein in Kooperation mit dem Betreiber smeet. Die Fans von ”DSDS“ haben bei RTL.de seit Januar ebenfalls eine 3D-Community – mit Liveübertragung der TV-Show und kürzen Abrufvideos. Mehr dazu in meinem Blogpost  hier.
  • MyVideo, die Community des ProSiebenSat.1-Konzerns, hat im Januar einen eigenen Musikkanal gestartet – ein kommentierbares Musik-Abuf-TV mit Videoclips, wie sie früher bei Viva und MTV zu sehen waren.
  • Die ”Pietshow“ bei StudiVZ brachte es im November und Dezember 2008 mit 15 Folgen auf 2,5 Millionen Seitenaufrufe.
  • Die ersten 20 Folgen der Websoap ”They Call us Candy Girls“ bei MySpace wurden bisher 1,9 Millionen abgerufen. Zehn weitere Folgen sollen nach Angaben des Produzenten MME im April starten. (s. DWDL)

Das wohl durchdachteste Konzept für asynchrones Social TV hat Joost – zumindest theoretisch. Auf der On-Demand-Web-TV-Plattform, die 2007 von den Skype-Gründern Niklas Zennström und Janus Friis gestartet wurde, kann man die persönlichen Streams seiner Freunde abonnieren, deren Favoriten anschauen und kommentieren. Die Plattform, deren baldiges Ableben schon mehrfach prophezeit wurde, hat seit der Umstellung von eigenem Client auf browserbasiert zwar mehr Zulauf. Leider krankt sie aber  immer noch daran, dass die meisten TV-Sender und TV-Produzenten ihren wirklich attraktiven Content lieber auf eigenen Web-Plattformen auswerten. Deshalb ist das Bewegtbild-Erlebnis Joost mehr ”social“ als ”TV“.

Und nicht zuletzt findet Live Social TV natürlich überall dort im Web statt, wo die Nutzer es auch ohne spezielle Plattformen selbst einrichten – zum Beispiel bei Twitter. Das zeigt sich an jedem Wochenende während der Bundesliga. Es gibt immer mehr ”Tatort“-Fans, für die das 20.15 Uhr-Sonntagsritual erst mit den vielen Tweets zum #tatort zum runden Fernsehabend wird. Auch heute nacht bei der Oscar-Verleihung wird weltweit ohne Ende getwittert werden. Für Nutzer, die keine Gelegenheit haben, die Übertragung im Fernsehen oder per Web-Stream zu sehen, twittert Spiegel Online das Wichtigste von den Academy Awards auf seinem neuen Newsticker-Feed Spiegel Live .

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6 Antworten zu “Social Web TV – Fernsehen als virtuelles Community-Erlebnis

  1. Pingback: RTL und das Web-TV der nächsten Generation « Medial & Digital

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  3. Der Name Social Web TV ist gut. Leider wird er schon andernorts verwandt: http://thesocialweb.tv/

  4. @Leander:
    Da sehe ich jetzt kein Problem. Erstens erhebe ich ja keinen Urheberrechtanspruch auf den Begriff. Es ist einfach nur eine Bezeichnung, die wie ich finde, das Zusammenwachsen von Web TV und Social Web gut beschreibt. Vielleicht gibt es diese Bezeichung auch schon – ist mir aber nicht bekannt. Ein Web TV Sender über das Thema Social Web mit der Top Level Domain .tv hat dem Thema hier nur bedingt etwas zu tun ;-)

  5. Sorry für’s zweideutige Ausdrücken: Ich meinte gar nicht, dass es ein Problem gibt. Aus meiner Sicht ist der Begriff aber so treffend für die Entwicklung, die Du beschrieben hast, dass man ihn eigentlich zum Schlagwort machen könnte. Bei den Jungs vom SocialWeb.tv wird der Begriff in der Tat im anderen Zusammenhang gebraucht. Von daher ist es zwar schade, dass mind. sie ihn schon nutzen, aber es bleibt noch genug Raum, um ihn zu prägen …

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